Romys Nacht- und Tag-Buch 154
In der Kälte wird die Wärme zum begehrten Gut. Diese Woche war geprägt von Begegnungen, die mir Wärme ins Herz zauberten.
Sonntag, 11. Januar
Die Zeitungen berichten Kurioses. In Wien, im Stadtpark, hat jemand seine Ski getestet und am Ring war ein Tiroler Langläufer unterwegs. Schnee in der Stadt und Schnee am Land. Meine Hühner ducken sich im Eck ihres Unterstandes. Mit ein paar Salatblättern lassen sie sich schließlich doch hervorlocken. Zögerlich staksen sie durch das kalte Weiß. Ich stelle ihnen eine Schüssel mit frischem Wasser hin – das von gestern ist über Nacht zu einem steifen Eisblock gefroren.
Montag, 12. Januar
Am Sonntagnachmittag hangle ich mir den Beamer aus dem obersten Regal und richte mir mein Wohnzimmer kinomäßig her. Die Begegnung des Streetartkünstlers JR und Filmemacherin Agnès Varda in „Augenblicke: Gesichter einer Reise“ ist ein berührendes Porträt der 90 und des 33-jährigen. Sie reisten gemeinsam durch Frankreichs Dörfer, fotografierten verschiedene Menschen und verewigten deren Porträts in überlebensgroßen Bildern an Fassaden, Zügen und Schiffscontainern.
Dienstag, 13. Januar
Sie schaut mir entgegen. Dann senkt sie ihren Blick. Weiße Wimpern, die Augäpfel erscheinen dunkel, unergründlich. Auf ihrem Kopf eine kuschelig wilde Frisur. Es ist kalt. Ich ziehe meine blaue Mütze über die Ohren. Sie war ein wenig hochgerutscht. Sie ist aus Alpakawolle gestrickt. Unsere Wärmequelle ist aus demselben Stoff gemacht.

Mittwoch, 14. Januar
Nur selten denke ich in den Momenten des Alltags an mein Tagebuch. Wenn ich dann am frühen Morgen gleich nach dem Aufwachen, meist noch ein wenig müde vor meinem Laptop sitze und auf die jungfräulich weiße Fläche schaue, ist es in meinem Kopf noch gähnend leer. Bis ich dann plötzlich einen Zipfel erwische, ein Gedanke auftaucht, eine Erinnerung und die Finger über den Tasten in Bewegung geraten.
Donnerstag, 15. Januar
Hinten im Zaun ist ein Durchschlupf. Ich habe ihn schon vor einigen Tagen entdeckt. Der Stoff wurde nassen Wetter strapaziert, der Wind tat ein Übriges. In der Früh schlüpft der Dachshund meiner Nachbarin durch die Lücke. Und gleich weiter durch die zweite Lücke in den Hühnergarten hinein. Die Hühner sind noch drin im Stall. Er hört mich nicht kommen, erschrickt als er sich umdreht und humpelt so schnell es geht davon. Wie alt er geworden ist. Mir tut es leid, dass ich ihn so erschreckt habe. Der ist wohl keine Bedrohung mehr, denke ich. Trotzdem gebe ich ein Brett vor das Loch und schließe das Netz beim Stall. Nicht, dass er mir meine Hühner erschreckt, – oder die Hühner ihn.

Freitag, 16. Januar
Literatursalon in Wolkersdorf. Ein Abend im Schloss in feiner Gesellschaft. Barbara Zeman und Clemens J. Setz geben uns die Ehre. Eine Buchbesprechung der besonderen Art. Es geht um Briefe und Postkarten von Unbekannten an die Mount-Wilson-Sternwarte, in denen die Menschen von eigenen kosmologischen Theorien berichten. Die beiden erzählen über ihr Leseabenteuer, nähern sich den obskursten Ideen auf eine berührend behutsame, offene, witzige, doch respektvolle Weise, erfrischend und herzerwärmend.
Samstag, 17. Januar
Raureif. Die Hätschipätsch, Gratte-culs (Hinternkratzer), Hagebutten – vom Eis umhüllt. Ich gehe mit dem Hund der Nachbarin dem Waldrand entlang. Die Oberfläche des Schnees ist eisig; Bruchhasch. Von uns Skifahrern in meiner Jugend schwer gefürchtet. Schnelles Dahingleiten über dieser brüchigen Fläche und beim Kurve fahren dann einbrechen und öfter ein Sturz.
Die Schritte vom Hund und mir werden von krachenden Geräuschen begleitet. Kleine, schnelle von ihm und große, langsame von mir.

Guten Morgen liebe Romy,
schon lange freue ich mich jeden Samstag Morgen auf dein Tag-und-Nacht-Buch. Heute hat es wieder einmal ganz besonders gut gefallen – vielen Dank dafür ❤️🙏🏻
Deine Beschreibung des gealterten Nachbarhundes hat mich im Herzen berührt und die lustigen Namensgebungen für die Hagebutte amüsiert. Hätschipätsch kannte ich genauso wenig wie den Ausdruck „Hinternkratzer“.
Danke für das Schmunzeln, dass du mir am frühen Morgen ins Gesicht gezaubert hast und viele Grüße von
Manu ❤️
Liebe Manu,
deine Freude strahlt zu mir zurück.
Wie schön zu wissen, dass es Menschen gibt die sich jeden Samstag auf mein Nacht- und Tag-Buch freuen.
Dein Kommentar gibt mir Rückenwind fürs Weiterschreiben. Danke dafür.
Alles Liebe dir
Romy
Liebe Romy, vielen Dank für deine Tag- und Nachtgedanken. Auch ich musste über die Gratte-culs lachen – klingt zumindest für die, die wie ich nur wenig Französisch verstehen, viel eleganter als Hinternkratzer. LG aus dem Norden Deutschlands. Eva
Grüße in den Norden liebe Eva.
Wie schön, dass du eine so treue Leserin meiner Morgengedanken bist.
Romy