Vom Glück

Romys Nacht- und Tag-Buch 153

Manchmal in seltenen Augenblicken hat man Glück: Es öffnen sich winzige Poren im Universum und man erblickt das Paradies. Diesem Satz von Makis Warlamis bin ich zufällig auf einer alten Fotografie begegnet. Er hat mich gut durch diese Woche begleitet.

Sonntag, 4. Januar

Die weiße Landschaft um mich herum macht mich froh. Das weiche Gefühl beim Gehen, wenn meine Füße bei jedem Schritt leicht einsinken. Der Wechsel von pudrig weich übers leicht gefrorene bis zum eisig Harten. Die knirschenden Geräusche. Die Spuren im Schnee – von großen und kleinen Schuhen, Hunden, Katzen und rodelnden Kindern, die Kälte auf den Wangen und der frische Geruch. Das alles katapultiert mich zurück in meine Kindheit und in ein großes Staunen hinein.

Montag, 5. Januar

Rund um die Weihnachtszeit brillieren die abendlichen Himmel mit rot leuchtenden Sonnenuntergängen. Zu dritt spazieren wir über die Wege am Kleeberg. Auch die Bäume am Hang und sogar der Schnee beginnen sich rötlich zu verfärben. Wir lassen uns von der Lichtstimmung bezaubern und gehen weiter, bis die Sonne ganz verschwunden ist.

Dienstag, 6. Januar

Der Krautkopf ist in Theresias Garten gewachsen. Sie hat ihn im Stadel gelagert, nun bereite ich ihn für den Strudel vor. Rund und für diese Jahreszeit erstaunlich knackig liegt er vor mir. Draußen hat es wieder zu schneien begonnen. Wenn ich aus dem Küchenfenster in die wirbelnden Flocken schaue, überkommt mich ein urgemütliches Gefühl. Der Holzofen verbreitet eine angenehme Wärme. Draußen ist es eisig kalt.

Mittwoch, 7. Januar

Wieder zurück im Weinviertel erwarten mich in der Küche die unterdessen aufgeblühten Barbarazweige. Sie haben zwar Weihnachten verpasst, aber nicht den richtigen Moment. Sie stehen für Glück, neues Leben, Fruchtbarkeit, für einen guten Anfang und das Vertrauen in verborgene Prozesse. In den Tagen zwischen den Jahren habe ich mir eine Schreibpause gegönnt. Jetzt gehe ich zurück an den Roman. Die Pause hat mir gutgetan.

Donnerstag, 8. Januar

Zwar gibt es hier keinen Schnee, aber klirrende Kälte. Ich gehe mit dem Hund meiner Nachbarin dem Bach entlang. Die Oberfläche ist teilweise zugefroren. Dort, wo sie noch offen ist, bildet das fließende Wasser kunstvolle Eiskreationen. Die Natur ist eine begabte Künstlerin. Mit staunenden Augen entdecke ich zwischen den Baumlücken immer wieder neue Eisbilder.

Freitag, 9. Januar

Auch beim Schreiben gibt es diese seltenen Momente, in denen sich das Paradies zeigt. Vielleicht entstehen sie, wie im Bach, aus Eiskristallen. Vielleicht aus der Bereitschaft, dem Schmerz ins Auge zu sehen, ehrlich mit sich zu sein und den eigenen Unzulänglichkeiten Raum zu geben. Dahinter schimmert ein Glück, das trägt, etwas, das mich tiefer in die Geschichte zieht. Es sind die Augenblicke, in denen das Schreiben in den Fluss kommt.

Samstag, 10. Januar

Das Pilzmycel breitet sich im Kaffeesatz aus und bildet auf der Oberfläche einen feinen weißen Belag. Zeit, es mit einer neuen Schicht frischen Kaffeesatzes zu füttern. Zu Weihnachten habe ich mir einen Pilzkübel für die Zucht von Austernpilzen geschenkt. Gespannt beobachte ich das Wachsen dieses Lebewesens. Ob es in ein paar Wochen wohl schon Glückspilze zu ernten geben wird?



4 Kommentare

  1. Liebe Romy, es ist lange her, dass wir uns ‚gesehen‘ haben, aber ich verfolge deine wöchentlichen Erzählungen mit Freude und Erstaunen.
    Ich wünsche dir ein glückliches, gesundes und kreatives neues Jahr und hoffe, dass wir uns irgendwann einmal wieder begegnen. Alles Liebe Gabriele

    1. Liebe Gabriele,
      es ist schon erstaunlich, wie lebendig ich dich noch immer vor meinen Augen hab als Teilnehmerin meines Online Kurses.
      Ich freue mich sehr, dass sich dieser Kontakt gehalten hat. Auch ich wünsche dir alles Liebe und uns vielleicht mal ein Treffen in der realen Welt?
      Liebe Grüße
      Romy

  2. Liebe Romy,
    so wunderbar, Deine Worte. So lebendig, Deine Beschreibung des Schnees in all seinen Facetten!
    Ich lese Deine Zeilen vor dem Kachelofen auf der Johann Walker Hǔtte am Schôckl. Auch hier hat es geschneit, das Feuer knistert im Ofen und die Kinder kamen zum Rodeln. Sobald man auf der Rodel den Hang hinunter gleitet, wird man selbst zum Kind. Eine Freude!
    Und der Schnee macht alles sanft und leise.
    Liebe Grüße, Gina

    1. Liebe Gina,

      Auf einer Abendrunde in der Steiermark hab ich beim Blick hin zum Schöckl an dich gedacht und mich gefragt, ob du wohl dort bist?
      Wie schön, jetzt von dir zu hören. Ich seh dich vor dem Kachelofen und die Hütte, schnee-umhüllt.

      Alles Liebe
      Romy

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