Romys Nacht- und Tag-Buch 145
Dieser Herbst ist herb und süß zugleich. Das spiegelt sich sowohl im Wetter als auch in meinen Alltagsmomenten. Alles wird weicher – das Licht, die Stimmen, selbst die Schatten. Die Welt atmet aus, so wie ein Körper nach einem langen Lauf. Vielleicht ist das ein Moment des Begreifens – nichts geht verloren, alles verändert nur seine Form.
Sonntag, 9. November
Der Salon Margereten am Samstagabend, – eine Lesung mit meinen Schreibkolleginnen vom Memoir Lehrgang. Meine beiden Enkelinnen waren dabei. Das war für mich das Allerschönste.
Aber nicht nur das: Auch Freundinnen und Bekannte sind gekommen. Das Wiedersehen mit meinen Schreibkolleginnen, ihre lustigen, berührenden, tiefgehenden und spannenden Texte, der volle Saal mit einem interessierten Publikum und die feinen Gespräche, die daraus entstanden sind – ein rundum gelungener Abend.

Montag, 10. November
Mareike ist tot. Gegen Abend war ich noch hinten beim Hühnergehege und habe ihr zugeschaut, wie sie genussvoll ihr prachtvoll nachgewachsenes Gefieder putzt. Im Sommer war sie nach der Mauser ein wenig struppig. Am frühen Morgen liegt sie leblos im Stall.
Sie war ein eigenartiges Huhn, immer eher am Rand der Hühnergemeinschaft. Mareike war mein Goldhuhn. Sie hat mir nie – kein einziges Mal – ein Ei gelegt. Ich weiß nicht, wie alt sie war. Als ich sie bekam, war sie kein Junghuhn mehr. Manchmal krähte sie am Morgen, nicht wie ein Hahn, eher wie der Schrei eines Falken. Jetzt ist sie still. Ich werde sie vermissen.
Dienstag, 11. November
Durch den Hochleitenwald hinauf zur Anzengruberhöhe. Meine Nase folgt den herbsüßen Gerüchen. Der Boden ist weich, stellenweise rutschig vom dichten Blätterteppich. Jeder Wegabschnitt überrascht mit neuen Farben und Formen: gelbe, handförmige Ahornblätter, braungebuchtete Eichenblätter und rötliche Hartriegel. Oben angekommen setze ich mich auf die Bank mit dem halbierten Holzstamm. Ein idyllischer Blick auf Wolkersdorf belohnt mich für die Mühe und am Himmel ein leichtes Leuchten durch die dickgraue Wolkendecke.

Mittwoch, 12. November
Manchmal hadere ich mit mir. Ich sollte. Ich sollte doch … ja, was eigentlich? Einmal ordentlich der Reihe nach schreiben, wie gewohnt? Ich arbeite selten linear. Gerade habe ich am letzten Teil meines Buchprojekts weitergeschrieben – obwohl in der Mitte noch vieles offen ist. Mein Schreiben ist ein Hin- und Herspringen, ein Kreisen um etwas, das erst durch Umwege Gestalt annimmt. Tastend, suchend, nicht in geraden Linien. Und vielleicht entsteht genau daraus eine Form, die zu mir passt.
Donnerstag, 13. November
Im dichten Novembernebel bleibt wenig von der Tageshelle. Ich walke vorbei an Rohbauten und leerstehenden Häusern. Dann bewege ich mich hinein ins dichtere Weiß des unbebauten Gebiets. Dort ist es kühler, noch feuchter. Das sind perfekte Bedingungen für den Nebel. Mit dem feinen Wind reisen zartkühle Wassertropfen durch die Luft und streifen mein Gesicht. Am Horizont ein Weiß, das alles verschluckt und ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn der Nebel so undurchdringlich würde, dass alles um mich herum verschwände.

Freitag, 14. November
Lesungen, Diskussionen und Podiumsgespräche. Die Buch-Wien bietet ein überwältigendes Programm. Es wird ein interessanter Nachmittag mit vielen Buch- und Menschenbegegnungen. Dann bin ich neugierig auf Amira Ben Saoud, die nächstens im Literatursalon im Schloss Wolkersdorf aus ihrem Roman Schweben lesen wird. Sie erzählt von einer dystopischen Welt, in der die Protagonistin in einer abgeschotteten Siedlung nach dem Klimawandel in die Rolle vermisster Frauen schlüpft.
Samstag,15. November
Warum schreibe ich? Zugegeben, mich hat die Bücherflut bei der Buchmesse eher entmutigt. Noch ein neues Buch – braucht es das? Trotzdem habe ich mich am nächsten Tag an den Schreibtisch gesetzt und weiter gearbeitet. Ist es Routine oder Dringlichkeit?
Beim Schreiben forme ich Geschichten. Ich bringe etwas zum Ausdruck, das nur in meiner Sprache, in meinem Blick existiert.
Schreiben ist für mich ein innerer Drang – etwas, das nach außen will.
Oh nein, Mareike, dein Goldhuhn, das keine Eier legt, ist tot? Wie traurig. Sie sah vor der Mauser prächtig aus. Wie ein Goldhuhn eben. Wirst du ein anderes Huhn aufnehmen?
Liebe Grüße
Kerstin
Liebe Kerstin,
ja ich hatte schon vorher vor, im Frühjahr meine Hühnerschar mit zwei Junghühnern zu verjüngen.
Liebe Grüße
Romy
Dein Mittwoch, der beschäftigt mich auch immer wieder liebe Romy!
Ich kreise meine Themen ebenfalls so ein, wie ich es bei dir spüre. Was denkst du, wir sind möglicherweise so gemacht? Ich muss immer wieder an den sogenannten Kreissaal denken, in dem Frauen ihre Babies gebären, falls sie das in Krankenhäusern tun. Auch hier erstaunlicherweise das Wort Kreis. Das spiralige, nicht das lineare Herangehen.
Meine besten schreibenden Erkenntnisse habe ich in der Früh, gleich nach dem Aufwachen. Da kann ich es inhaltlich auch locker mit einer linearen KI aufnehmen 😎 die hole ich manchmal später dazu, wenn mein kreativer Verstand 50 Wege in 50 Richtungen ausspuckt statt eines ersten Schrittes. Da lasse ich die Logik ordnen und sortieren. Und dann entscheidet letztlich meine Intuition, was ich will – und nicht soll.
So ist es bei mir. Meistens 😆
Danke für diesen berührenden Einblick in dein Leben und ich streichle gedanklich deine Henne, die ihr Gefieder jetzt ganz anders strahlen lassen kann ☀️
Herzlichst
Lisa
Danke liebe Lisa,
mit deinem Kommentar hast du mir schöne Bilder beschert – der Kreißsaal, kreißen, stöhnen, schreien, sich anstrengen, etwas will geboren werden, und dann der Kreissaal, die spiralige Herangehensweise.
Das Schreiben kommt mir manchmal auch wie ein Weben vor, etwas verdichten, dichten …
Ich schicke dir einen lieben Gruß,
sei herzlich umarmt
Romy
Ach nein, Mareike die Besondere/Sonderbare..🥺.. das tut mir sehr leid!
Schön, dass der Lesungsabend so ein heimeliges Zusammentreffen war!
Die Bittersüße des Novembers kriecht auch grad in mich hinein in den letzten zwei Tagen..
Ich schicke dir liebe Grüße und ein JAAAA zu all deinem Schreiben!!!🙌🏼💓
Sabine
An dunkleren Tagen schleicht sich bisweilen verschämt ein Nein hinein
… und ich vergesse, dass es das Ja ist, das mich trägt.
Danke für dein JAAAA Sabine.
Gerne, liebe Romy!!
Ich merke auch wie die Zähe der frühen Dunkelheit mich bremst… oder mir den Antrieb nimmt..
Es freut mich, wenn ich dich ein bissl ans tragende Jaaa erinnern konnte!
🤗😘!
Liebe Grüße
Sabine