Buntes Grau

Romys Nacht- und Tag-Buch 144

Graue Novembertage drücken manchmal aufs Gemüt.
Einer meiner Zeichenlehrer empfahl Grau als Hintergrund, weil Farben darauf stärker wirken. Hinter dem Grau tritt die Farbe hervor, lässt sie atmen und lockt das Auge mit einer überraschenden Lebendigkeit.

Sonntag, 2. November

Ich sitze neben der großen Topfchrysantheme vor der Haustür. Der Geruch, der zart meine Nase streift, irritiert mich, – ein süßlicher Duft, der an Honig erinnert. Ich nähere meine Nase den flauschigen Blüten. Tatsächlich – sie sind es, die diesen Duft verströmen. Die Chrysanthemen in meiner Erinnerung riechen anders – ein herb-frischer Blattgeruch. Und noch etwas überrascht mich. Wo kommt denn plötzlich diese Farbe her? Mit den ersten kalten Nächten haben sich die äußeren Blütenblätter pinkfarben überzogen.

Montag, 3. November

Am Sonntagnachmittag machen meine Enkelin und ich einen Radlausflug. Vom grautrüben Wetter lassen wir uns nicht abhalten – ausgemacht ist ausgemacht. Wir wählen eine Strecke, auf der wir gemütlich nebeneinander fahren und plaudern können. Es gibt viel zu erzählen: von Halloween, von früher und noch früher, einem Filmprojekt zum Thema Nostalgie und davon, welche Wirkung Landschaften auf Menschen haben. Die bunte Welt, die sich in unseren Gedanken entfaltet, findet ihr Echo in den Bäumen, deren leuchtende Herbstfarben an uns vorüberflitzen.

Dienstag, 4. November

Gelb – Blau – Rot. Gegen Ende des Jahres werden die Farben intensiver. Oder ist es nur mein Eindruck, dass ich sie jetzt stärker wahrnehme? Vielleicht ist es etwas wie ein Trost für die kürzer werdenden Tage, für das allgegenwärtige Grau.

Mittwoch, 5. November

Am Abend besucht mich eine Freundin – ganz spontan hatte sie sich angekündigt. Im Ofen prasselt ein Feuer. Wir trinken Waldviertler Kräutertee, essen Focaccia mit Rosmarin, Oliven, Ofenkürbis und gebratenen Zucchini. Wir plaudern und sinnieren – der Duft von Rosmarin und Holzfeuer liegt in der Luft. Solche Abende tun gut. Ich nehme mir vor, mir öfter solche geselligen Treffen zu gönnen. Manchmal neige ich dazu, mich einzuigeln, in meine Schreibwelten zu versinken und alles um mich herum zu vergessen.

Donnerstag, 6. November

Lesen am Abend und lesen in der Nacht. Ein herausfordernder Wortdschungel. Eine dunkle, abgründige Welt tut sich vor mir auf. Doch wer sich darauf einlässt, entdeckt hinter fast jedem Satz eine neue Denktür, Tiefen, die frösteln lassen – und ein zaghaftes Verstehenwollen. Frost war das Erstlingswerk von Thomas Bernhard – ein Buch wie der November selbst.

Freitag, 7. November

Erst habe ich den Wind gegen mich. Er bläst mir ins Gesicht und dringt durch die Fasern meiner Jacke. Beim Bergaufradeln trete ich kräftig in die Pedale, so wird mir nicht kalt. Dann rolle ich hinunter nach Auersthal. Vorbei an Ölpumpen, langsam wippenden, hammerartigen Gebilden. Wie Skulpturen ragen sie aus der Landschaft. Ihr stetiges Auf und Ab versetzt mich in eine seltsame Stimmung – das tief unter der Erde ruhende Öl, ein Überrest urzeitlichen Lebens, und ich, im Jetzt, daran vorbeiradelnd.

Samstag, 8. November

Heute Abend treffen wir uns im Gretl und lesen vor Publikum aus unseren Buchprojekten. Zwei Jahre lang haben wir gemeinsam den Memoir-Lehrgang vom writers studio besucht und geschrieben, jede von uns über ihr Leben, über bestimmte Erfahrungen, Themen, Augenblicke, die uns geprägt haben. In meinem Projekt erforsche ich das Leben zwischen Mensch und Natur – getragen von persönlichen Erinnerungen, von Reflexionen über Identität und Verbundenheit. Ich freue mich schon sehr auf diesen Abend des Teilens, des Zuhörens, des Erlebens der eigenen Geschichte und der Geschichten der anderen.





4 Kommentare

  1. Danke für deine Nacht- und Tag-Gedanken, die ich meist lese, wenn ich meine Morgenseiten geschrieben habe. Wünsche dir heute Abend viel Spaß und Erfolg bei der Lesung – und vielleicht bis bald bei der Schreibzeit am Morgen.

  2. Ich bin grad ein bissl an der Kippe.. das feuchtkalte Novemberwetter ist mir etwas zu viel hineingekrochen.
    Das Lesen durch deine Erzählungen beschert mir Freude und Entschleunigung.
    😌

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