Romys Nacht- und Tag-Buch 139
Körperwerkstatt – so könnte man diese Reha auch nennen. Hier wird gedehnt, gestreckt, gestählt und geschwitzt, bis selbst vergessene Muskeln wieder „Guten Tag“ sagen.
Sonntag, 28. September
Mittags zeigt sich die Sonne – endlich. Der Nebel, der das Waldviertel seit Tagen umhüllt, hat zwar seinen Reiz, doch sein Grau hat sich mit der Zeit auf meine Stimmung gelegt. Auch hat der Architekt dieser Rehaklinik wenig Rücksicht auf mein Bedürfnis nach Licht genommen: In vielen Räumen bleibt es ausgesperrt. Jetzt aber füllen sich die Bänke und Sessel vor dem Haus. In der Sonne sitzen, Helligkeit und Wärme inhalieren – ein kleiner Vorrat für die dunkleren Tage.

Montag, 29. September
Den therapiefreien Sonntag nutze ich zum Schreiben. Mit dem Laptop setze ich mich in die Sonne und erinnere mich an eine Frühlingssonne im Schnee vor über fünfzig Jahren: Der Schnee wurde schwer und nass, am Abend bildete sich eine gefrorene Kruste – der gefürchtete Bruchharst. Bei meiner letzten Talfahrt wollte ich eine abschließende Kurve machen, da brach die gefrorene Schicht unter meinen Schiern ein. Ein übler Sturz war die Folge – vielleicht der Grundstein jener Knieprobleme, die mich hierher in die Reha geführt haben.
Dienstag, 30. September
Draußen ist das Glück zu Hause. Unter der amerikanischen Eiche vor dem Haus hat es sich entfaltet – rotköpfig und weiß getupft: Fliegenpilze. Wie aus einem Märchenbuch entsprungen stehen sie da, ein Bild, wie ich es in Wirklichkeit noch nie gesehen habe. Ich reibe mir die Augen und kann es kaum glauben. Nein, das ist kein Traum. Sie stehen wirklich vor mir und leuchten aus dem grünen Rasen mit einer Innigkeit, die alle Vorübergehenden innehalten und staunen lässt.

Mittwoch, 1. Oktober
Nach dem langen Tag, gut gefüllt mit Therapien und Vorträgen, gehe ich ein Stück hinaus und erkunde die Umgebung. Neben dem Weg liegt eine Wiese mit alten Apfelbäumen. Wieder bleibe ich stehen, angezogen vom Zusammenspiel der Farben. Grün und Rot – Komplementärfarben, Gegensätze, die sich gegenseitig verstärken. Die eine, vermittelt Ruhe, die andere Kraft und Energie.

Donnerstag, 2. Oktober
Da sitzen wir wartend in den langen Gängen auf unseren Stühlen, aufgereiht wie Hühner auf der Stange. Die Bademäntel: Frottee, Waffelstruktur, Rippenmuster oder dicker Cord. Meistens weiß, manchmal hellblau oder hellgrün, einer elegant dunkelblau und dazwischen ein freches Pink. Parafango am frühen Morgen. Wir werden einzeln unseren Kabinen zugewiesen, ziehen uns hinter zugezogenen Vorhängen aus und legen uns vorsichtig auf eine Liege, auf der zwei dunkelteerige, heiße Matten bereitliegen. Von helfenden Händen wie ein Baby in Leintuch und Wolldecke gewickelt, geben wir uns dieser wohltuenden Wärme hin.
Freitag, 3. Oktober
„Zeitfenster zum Schreiben schaffen“, sagen meine Kolleginnen, die Beruf und Schreiben jonglieren. Hier in der Reha verstehe ich, was sie meinen. Das volle Programm zerstückelt meinen Tag. Kaum Raum, um Gedanken treiben zu lassen, zu träumen oder mich in mein Schreiben zu versenken. Hier wird trainiert, nicht geträumt. Mein Denken kreist um die nächste Einheit statt um die nächste Szene meines Projektes.
Samstag, 4. Oktober
Kinder haben ein besonderes Talent, Worte wörtlich zu nehmen – und daraus ihre eigene Logik zu bauen. Als meine Tochter zum ersten Mal „Muskelkater“ hörte, dachte sie nicht an ziehende Schmerzen, sondern an einen starken Kater mit Muskeln. Sie stellte sich vor mich hin, spannte ihre kleinen Arme an und rief: „Ich bin so stark, ich bin stärker als der Muskelkater!“
Ohhh, wie märchenhaft entzückend!!
So eine süße Fliegenpilz-Familie im leuchtenden Grün:-)!!
Fantastisch!!!
Ein Augengenuss!
So schön geschrieben liebe Romy! Ich wünsche Dir ganz viel Sonnenschein, der die Nebeldecke durchbricht – und Heilung für Dein(e) Knie!
Herzlichen Dank Gina für deine guten Wünsche und liebe Grüße Romy