Reiche Ernten

Romys Nacht- und Tag-Buch 138

Bei einer abendlichen Radlrunde leuchten sie mir gelb und rund entgegen. Auf einem Feld oberhalb von Pillichsdorf liegen die abgeernteten Kürbisse in fein sortierten Reihen. Auch meine Granatäpfel im Vorgarten sind schon riesengroß. Sie brauchen aber vor der Ernte noch ein wenig Reifezeit.

Sonntag, 21. September

Wir sitzen im Schirmschatten. Eine schräge Sonne malt helle Flecken auf den Boden. Auf dem Tisch stehen unsere Getränke. Ich bin noch müde. Zahnschmerzen und Alpträume haben meinen Schlaf verkürzt. Ein Morgentreffen am Wiener Yppenplatz. Zu viert tauschen wir uns über unsere Buchprojekte aus. Schon seit bald zwei Jahren arbeiten wir mal mehr, mal weniger daran und begleiten einander auf diesem Weg. Wir berichten über Herausforderungen und Erfolge, über Zweifel und über unser Vorwärtskommen. Schreiben ist oft ein einsames Tun. Diese Treffen wirken bestärkend und tun gut.

Montag, 22. September

Beim Sonntagsspaziergang mit einer Freundin. Im Schatten der Wienerwaldbäume lässt sich die nochmals sommerliche Hitze gut aushalten. Wir wandern auf vertrauten Wegen. Der Rundumatum führt entlang den Wiener Stadtgrenzen rund um Wien. Vor bald zehn Jahren waren wir öfters gemeinsam mit einer Gruppe von Freunden, Familie und Bekannten auf dieser Route unterwegs. Unser Ziel ist die Jubiläumswarte. Endlose Stiegentritte hinauf. Je höher ich steige, umso stärker der Wind. Erst ziehe meine Schirmmütze tiefer, dann muss ich sie festhalten. Oben dann ein Schauen, Staunen und Genießen. Die Wienerwaldhügel, unter uns die Stadt und weit hinten vereint sich die Bergkette bei Bratislava mit dem blassblauen Himmel.

Dienstag, 23. September

Der kleine Baum im Vorgarten wird wegen von der Ferne silbrig schimmernden Blättern oft von den Passanten mit einer Olive verwechselt. Die jetzt gerade reifenden kleinen Früchte bringen Klarheit. Er ist ein weidenblättriger Birnbaum. Ich nutze den Vormittag, um meinen Vorgarten herbstfit zu machen. Ab morgen bin ich für drei Wochen auf Reha. Schon fünf große Säcke mit Pflanzenmaterial habe ich nach hinten zum Kompost im Hühnergehege gebracht. Ich schneide und jäte. Die nachwachsenden jungen Pflanzen brauchen Licht und Platz. Bald wird sie der Herbstregen sie beim Großwerden unterstützen.

Mittwoch, 24. September

Das Rehazentrum Moorheilbad Harbach empfängt mich an diesem grauen regnerischen Tag. Draußen werden die Bäume vom Nebel umworben. Drin endlos lange Gänge und Warten auf die Aufnahme. Fragebögen werden ausgefüllt. Bein, Bauch und Rücken geprüft. Größe, Gewicht, Vorerkrankungen und so weiter … Ich fühle mich ein wenig verloren in dieser riesigen Anlage mit den vielen Menschen. Also ziehe ich mich in mein Zimmer zurück, packe aus und richte mich ein.

Donnerstag, 25. September

Ein Mitarbeiter im Ess-Saal führt mich zu meinem Platz. Am Tisch sitzen wir zu viert. Zwei Frauen und zwei Männer. Wir tauschen unsere Namen aus. Registrieren, dass wir alle Neuankömmlinge sind. Niemand dabei, der uns Orientierung oder Tipps geben könnte. Wir erzählen einander von unseren Erfahrungen an anderen Orten, über das Warum unseres Hierseins und dann ausgiebig über unsere Gärten, die reichen Ernten heuer, Geschenke von Sonne und Regen.

Freitag, 26. September

Um mir in den tageslichtlosen Gängen die Wartezeiten auf die nächste Behandlung zu versüßen, habe ich das neue Buch von Dimitré Dinev „Zeit der Mutigen“ auf mein iPad geladen. Der Titel und das Cover mit den Wellen haben mich sofort angesprochen. Dreizehn Jahre lang hat er an diesem Mammut-Roman gearbeitet. Die reiche Bildsprache und die feinen Charakterzeichnungen katapultieren mich augenblicklich in andere Sphären und ich folge gespannt der sich entfaltenden Geschichte entlang von Wasser und Donau.

Samstag, 27. September

Ich bin an der Nebelgrenze aufgewachsen, weit oberhalb eines Dorfes inmitten der Innerschweizer Bergen. Es ist dunkel, wie in einem Kuhbauch, pflegte meine Mutter zu sagen, beim Eintauchen in die Nebelbrühe, wenn wir ins Dorf hinuntergingen. Gestern habe ich an sie gedacht. Auf meiner Walkingrunde am Nachmittag wehte mir eine dichte nasse Nebelluft um die Nase und je höher ich kam, umso dichter wurden die Fichten von dieser wattig weißen Luft umhüllt.

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