Romys Nacht- und Tag-Buch 137
Ein seltsames Gefühl des Dazwischen-Seins begleitet mich in dieser Woche. Für zehn Tage bin ich wieder zu Hause. Dann fahre ich schon wieder weg. Diesmal auf Reha ins Waldviertel.
Sonntag, 14. September
Am Morgen nehme ich meine Stöcke und gehe hinaus. Nach zwölf Stunden im Zug sehne ich mich nach Bewegung. Vorn an der Straße treffe ich zufällig einen Nachbarn auf seiner Runde. Wir begleiten uns ein Stück, plaudern und sinnieren. Schon fühlt sich alles wieder vertraut an, und während wir reden, legt sich das weite Land wie ein Teppich der Ruhe um uns.
Montag, 15. September
Die Luft wird frisch jetzt in der Nacht. Das macht es für mich umso gemütlicher unter meiner Decke auf dem Terrassenbett. Ein seltsamer Schrei hatte mich geweckt, also bin ich im Dunkeln mit der Taschenlampe schnell zum Hühnerstall getappt. Alles in Ordnung dort – kein Marder diesmal – nur ein leises Rumpeln aus dem Stall. Die Hühner haben mich wohl bemerkt. Kein Grund zur Beunruhigung. Das seltsame Geräusch kam eher von den Bäumen dahinter. Ein Nachtvogel vielleicht oder ein anderes Tier.

Dienstag, 16. September
Wir von der Weinviertler Wortwerkstatt treffen einander zweimonatlich, tauschen uns übers Schreiben und über unsere Texte aus. Gestern Abend ging es darum, unsere Lesung und das literarische Frühstück im Schloss Wolkersdorf vorzubereiten. Hoch über dem Park und dem Teich lesen wir einander in einem Schlosszimmer unsere Geschichten vor. Zum Thema Wendezeit ist uns einiges eingefallen und ich staune über die Vielfältigkeit unserer Texte. Da gibt es Aufrüttelndes, Freches, Sachliches, Hochdramatisches, Nachdenkliches, Lustiges und Tieftrauriges zu hören. Ich freue mich schon sehr auf unsere Veranstaltung. Am 12. Oktober um 10 Uhr ist es so weit.

Mittwoch, 17. September
Gestern Abend war ich mit zwei Freundinnen im Metrokino in Wien.
Ein rotes Interieur, ein charakteristischer Teppich und Stilelemente, die an die glamouröse Kino-Atmosphäre der fünfziger Jahre erinnern.
Wir sahen Monster vom japanischen Regisseur Kore-eda – ein Film, der berührt und auf eindringliche und überraschende Weise zeigt, wie unterschiedlich sich unser Bild der Wirklichkeit je nach Blickwinkel gestaltet. Nach dem Film ließen wir den Abend im Foyer des Kinos bei einem Glas Wein und angeregten Gesprächen ausklingen.
Donnerstag,18. September
Auf meiner Radlrunde schaue ich mich nach Paradeisern um. Bald werden es die letzten sein. Vor einem Haus an der Hauptstraße werde ich fündig. Eine Frau kommt aus dem Hauseingang. „Die hab ich gerade frisch gepflückt“, sagt sie mir. „Manche beginnen schon zu springen.“ Die von mir ausgewählten sind noch makellos. Klein, rot, rund und manche birnenförmig. Ich erinnere mich an die prallen Schönheiten vor zwei Wochen am Bauernmarkt in Berlin. Ein einladendes Farbenspiel war das. Zu Hause werde ich mir mit den kleinen Roten, vielleicht zum letzten Mal heuer, einen Caprese zubereiten.

Freitag, 19. September
Im Hausgang steht mein neues Fahrrad. Über das Kabel tankt es Strom für meine nächste Runde. An steilen Stellen werde ich von nun an unterstützt. Auch ein fester Gegenwind macht dank dieses Antriebs keine Mühe. Das macht mich freier bei der Wahl der Routen. Mit den breiten Reifen habe ich ab jetzt auch auf den rumpeligen Feldwegen ein sicheres Fahrgefühl.
Samstag, 20. September
In der Nacht war wieder viel los in meinem Hintergarten. Es raschelte da und dort und mir unbekannte Tierlaute waren zu hören. In diesem regenreichen Sommer sind die Büsche, Sträucher und Stauden gewachsen und haben sich zu einer grünen Wand formiert. Im Teich haust ein Frosch, unter dem Asthaufen ein Igel und wahrscheinlich gibt es unterdessen noch andere Tiere, welche in dieser neuen Wildnis Heimat gefunden haben.