Septembersonne

Romys Nacht- und Tag-Buch 136

Wenn die Sonne ihren täglichen Abschied zelebriert, wird die Straße zur Bühne, auf der Dunkel und Glanz miteinander spielen.

Sonntag, 7. September

Nach dem ersten Treffen mit meiner Lektorin von der Textmanufaktur bin ich voll motiviert. Wir haben über die Sichtweise, aus der erzählt wird, über Nähe und Distanz gesprochen. Mit einem neuen Blick auf das bereits vor längerer Zeit Geschriebene bereite ich den nächsten Teil meines Romanprojektes für das Lektorat vor. Nach diesem intensiven Nachdenken raucht mir der Kopf und ich brauche dringend frische Luft und Bewegung. Auf dem Berliner Stadtplan finde ich einen Ort, wo es das nächste von mir noch nicht erkundete Grün zu entdecken gibt.

Montag, 8. September

Nein … nicht hüpfen … ich zelebriere einen weichen knieschonenden Gang! Am Sonntagabend gehe ich nochmals die achtundachtzig Tritte von der Wohnung hinunter auf die Straße. Draußen lockt ein Himmelsereignis. Der Mond im Kernschatten der Erde – eine totale Mondfinsternis. Auf der Brücke über den Gleisen hat sich schon eine hinaufschauende Menschengruppe versammelt. Noch ist nichts zu sehen. Also walke ich weiter und mache eine lange Runde durch den Mauerpark. Als ich wieder zurückkomme, enttäuschte Gesichter und beratschlagen, wo der Mond sich wohl zeigen würde. Zurück auf dem Balkon hoch über den Straßen genehmige ich mir ein Berliner Kindl, schaue in den Himmel und genieße den Sternenglanz.

Dienstag, 9. September

Unterwegs durch die Stadt begleiten sie mich. Auch an unerwarteten Orten lassen sie ihr Krächzen hören. Die Krähen scheinen sich hier wohl zu fühlen. ChatGPT hat für mich das Rätsel gelöst, warum so viele von ihnen morgens in den Norden fliegen und am Abend wieder zurückkommen … Sie pendeln zwischen ihrem urbanen Schlafplatz und dem ländlichen Futterplatz. In Berlin ist das oft Richtung Norden und Nordosten, weil dort Felder, Wiesen und offene Flächen liegen (z. B. Barnim, Uckermark, Brandenburg). Dort finden sie Getreidereste, Insekten oder Aas.

Mittwoch, 10. September

Fassungslos stehen wir im amerikanischen Garten. Schon von draußen haben sich uns über die akkurat geschnittene Hainbuchenhecke kahle Schäfte mit je zwei, drei Plastikwedeln entgegengestreckt. Rund um die armseligen Palmen, Asphalt und parkende Autos. Als ich die amerikanischen Nummernschilder sehe, realisiere ich, dass das kein Irrtum ist. Es handelt sich um eine Kunstinstallation, die als kritische Reflexion urbaner Räume zu verstehen ist, lesen wir auf der Infotafel. Sie wurde gestaltet vom deutschen Architekten und Installationskünstler Martin Kaltwasser. Mit einer Weinviertler Freundin, die jetzt in Berlin lebt, erkunde ich die Gärten der Welt. Das war der erste Garten, den wir uns angesehen haben. Auch die weiteren Gärten haben uns beeindruckt. Viele davon mit ihrer Schönheit. Aber dieser erste Garten bleibt unvergessen.

Donnerstag, 11. September

In Berlin werde ich zur Stadtwanderin. Meine Entdeckungstouren unternehme ich am liebsten zu Fuß. Mehr als fünf Kilometer waren das täglich, meldet mir die App. Es ist auch das viele Alleinsein, das mich auf die Straße treibt. Das Bedürfnis nach Begegnung, neuen Gesichtern, nach buntem Straßenleben. Schreiben ist eine einsame Angelebenheit und manchmal wird sie mir eng. Dann nehme ich die Stöcke im Flur und mache mich auf den Weg.

Freitag, 12. September

Es gibt viele Gründe, warum ich mich am Prenzlauer Berg und im Haus in der Schivelbeinerstraße so wohlfühle. Einer von ihnen geht durch die Nase. Kaum öffne ich die Tür, zum Treppenhaus umfängt mich ein altvertrauter Geruch. Er bedeutet Heimat und lässt mich durch die Zeit reisen. Wie viele Jahre meines damals noch jungen Lebens habe ich in Blumengeschäften verbracht? Dieser Geruch ist international. Es sind nicht nur die Blumen, es ist eine Mischung aus Toppflanzenerde, atmenden Pflanzen und abgestandenem Vasenwasser.
Gleich neben dem Eingang liegt ein Blumengeschäft, und weil seine Tür zum Gang fast immer offensteht, füllt sich das Haus mit Erinnerung.

Samstag, 13. September

Kerstin und Nadja sind wieder zurück von ihren Zeltferien. Wir tauschen uns über unsere Erlebnisse aus. Es ist so schön, ihre Lebendigkeit, ihre Freude zu spüren. Nach dieser langen Zeit des Alleinseins genieße ich unser Zusammensein umso mehr. Heute mache ich mich wieder auf den Weg nach Hause. Es wird eine lange Zugreise und ich bin schon gespannt, wie es meinen Hühnern geht. Ob sie mich wohl wiedererkennen?


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