Romys Nacht- und Tag-Buch 131
Wer denkt, es brauche weite Reisen, um Spannendes zu erleben, irrt. Die wahren Abenteuer finden im Kopf statt. Sie ereignen sich zu seltsamen Zeiten und an überraschenden Orten.
Sonntag, 3. August
Eine winzige Figur, weites Land und wechselnde Perspektiven. Die bewegten Bilder auf den beiden Monitoren erwecken in mir ein Gefühl von Lonlyness, von Verlorenheit. Das Selbstbildnis mit Drohnen im Weinviertel von Tristan Mermoud bewegt sich auf vertrautem Terrain. Ich fühle mich unmittelbar von ihm berührt. Es ist während der Weinviertler Fotowochen entstanden. Ich wandere durch die drei Ausstellungen, die an diesem Abend im Rahmen vom FLUSS Fotofest im Schloss Wolkersdorf eröffnet werden. Schauen, staunen, auf bekannte Gesichter treffen und plaudern. Zum Schuss ein opulentes Buffet und Schmausen im Schlossaal.

Montag, 4. August
Durch das Märchen vom Hasen und vom Igel hatte ich immer geglaubt, dass Igel mit ihren kleinen Beinchen nicht laufen könnten. Was für ein Irrtum. In der Morgendämmerung ist ein Igel direkt vor mir an der Terrasse vorbeigelaufen. Ich glaubte, meinen Augen nicht trauen zu können. Dachte im ersten Moment an eine Ratte. Dort, wo dieses Tier hergekommen ist, habe ich das Hühner- und Vogelfutter gelagert. Die rasch und mit Bange geprüften Behältnisse sind intakt. Wenn es eine Ratte gäbe, wäre das Plastik schon längst durchgebissen. Im Internet suche ich nach Bildern von laufenden Igeln. Tatsächlich, wenn sie laufen, dann legen sie ihre Stacheln nah an den Körper. Das ergibt eine für mich ungewohnte Silhouette, die dann wohl der Aerodynamik dient.
Den Igel kenne ich schon lange. In der Nacht rumort er öfters am Fuße der Mauer vor der Terrasse herum.
Dienstag, 5. August
Kurz nach meiner Ankunft in der Steiermark habe ich Fieber bekommen, einen wattigen Kopf, heftige Kopfschmerzen, eine rinnende Nase und bellenden Husten. Ins Bett sinken und schlafen, schlafen. Schlafen am Tag und schlafen in der Nacht. Wann habe ich zum letzten Mal so viel geschlafen? Eine richtige Schlafkur ist das. Einfach Ruhe geben und nichts tun.
Mittwoch, 6. August
Ich sitze am Frühstückstisch. Vor mir in Gläsern konservierte Sommerköstlichkeiten. Erdbeeren, Weintrauben, Kirschen und Brombeeren. Dazu geröstete Brotscheiben, mit Butter bestrichen und dann diese hellrot bis schwarzblau leuchtenden Marmeladen, eine Fruchtexplosion im Mund und eine wundersame Süße. Theresia kommt zurück von ihrem heuer besonders üppig und bunt gedeihenden Garten. In ihren Händen trägt sie einen Kohlrabi, groß wie ein Babykopf. Der ist für die Mittagssuppe, sagt sie.

Donnerstag, 7. August
Ich war Matrosin auf einem Frachter. Ein wildes Erleben war das. Ein Seefrauengarn knüpfte sich ans Nächste. Unglaubliche Geschehnisse lösten einander in rasender Eile ab. Wie, wenn jedes neue Bild mit aller Kraft das Letzte übertrumpfen wollte. – Durch die hellbeigen Vorhänge fällt ein sanftes Morgenlicht auf mein Bett. Kein tosendes Wasser. Fort sind Schiff, Frauschaft, die See und der weite Horizont. Die zwei kürzlich gelesenen Erzählungen von Josef Conrad, „Jugend“ und „Der geheime Teilhaber“, haben sich wohl mit aller Macht durch meine Traumritzen gedrängt.– Immerhin … seekrank bin ich nicht geworden.
Freitag, 8. August
Heute Nacht ein gänzlich anderer Schauplatz … Plötzlich war sie eine verheiratete Frau. Ihre Gedanken weinten. Nein, das wird kein Groschenroman – oder vielleicht doch? In letzter Zeit tauchen in meinen Träumen manchmal einzelne Worte auf, oder so wie heute Nacht ganze Sätze. Ohne dazugehörende Bilder und ohne dass ich im Traum über den Sinn dieser Worte nachdenke. Sie sind einfach da, tauchen auf, Worthülsen, aneinandergereihte Wörter scheinbar ohne Bedeutung, wie, wenn sie aus einem anderen Leben in meine Träume hinein gefallen wären.
Samstag, 9. August
Unterwegs mit Viona über die Schafweidenwege. Vorsichtig balanciere ich auf dem wackligen Grund. Auch die Hündin ist langsam unterwegs. Manchmal zieht sie eines ihrer Hinterbeine nach. Sie ist nach der Hunde-Lebensdauerrechnung schon uralt. Tempomäßig passen wir jetzt gut zusammen. Wir rasten unter einem Apfelbaum. Aus dem Wald unterhalb vom Haus ragen schiefe und geknickte Stämme. Beim letzten Sturm sind viele Bäume umgefallen oder mitten am Stamm gebrochen. Die Schafe beobachten uns aus sicherer Entfernung. Sie sind ein wenig scheu.

Mein Gott Romy – dein sprachlicher Ausdruck – genial und mit immer einer Prise Humor Schön in deinen Erzählungen vorzukommen
Eine wunderbare Schreibzeit auf der Gerlitzen wünsche ich dir – du Liebe
Herzlich Theresia
Danke Theresia, für die schöne Zeit bei dir. Dein Kommentar freut mich sehr. Auf bald Romy