Naturselbstdruck – Geschichte, Technik und Anleitung

Naturselbstdruck mit Ginkgo und Storchenschnabel

Der Naturselbstdruck fasziniert mich durch die Direktheit der Technik und seine vielfältige und interessante Geschichte. Wann immer ich mit Naturselbstdrucken in Berührung komme, bin ich begeistert von der Qualität, der Natürlichkeit und der unglaublichen Detailtreue, die mit diesem Verfahren möglich sind. Dabei wird das Naturobjekt, z.B. das Blatt einer Pflanze als Druckstock verwendet. Es schafft auf diese Weise ein Spiegelbild von sich selbst als direktem Abdruck auf Papier oder Stoff. Mit dem Druck von Blättern, Blumen und anderen Fundstücken kannst du wunderschöne, kunstvolle Werke kreieren, die die Schönheit der Natur wiedergeben. Mit wenigen preiswerten Materialien und ein wenig Übung gelingen dir meisterhafte Drucke.

Geschichte und Technik des Naturselbstdruckes

Die Pflanze als Druckstock

Die ersten heute bekannten Naturselbstdrucke sind Abdrucke von Heilpflanzen in einer Handschrift aus dem Jahr 1229. Sie liegen heute im Topkapi-Museum in Istanbul. Für die zuverlässige Identifikation von Heilkräutern und Gewürzpflanzen war es notwendig, vollständige Sammlungen von Drucken mit möglichst vielen Vergleichsstücken bei der Hand zu haben.
Leonardo da Vinci druckte ein Salbeiblatt mit Ruß, Öl und Bleiweiß als Druckfarben. Er hinterließ uns eine genaue Anleitung, wie ein zweifarbiger Druck entsteht. Er bestreicht die Vertiefungen des Blattes mit Bleiweiß und die erhöhten Blattnerven mit Druckerschwärze. Das eingefärbte Blatt druckt er anschließend mit einer Druckerpresse.

Pflanzenabdrucke als Druckplatten

Bei den Botanikern des 16. Jahrhunderts war der Naturselbstdruck schon bald sehr beliebt und verbreitet. Im 19. Jahrhundert entstanden durch den Wunsch nach größerer Auflage und präziserer Ausführung neue Techniken des Naturselbstdruckes. Die getrockneten Pflanzen wurden in z. B. auf Bleiplatten abgedruckt und diese anschließend als Druckformen benutzt. Ein bekannter Pionier dieser Technik war der damalige Direktor der Wiener Staatsdruckerei, Alois Auer Ritter von Welsbach. Durch diese innovative Technik entstand eine Fülle von unglaublich schönen und detailgetreuen Abbildungen, die in ihrer Qualität weit über Zeichnungen oder Fotografien stehen. Manche meinten gar, dass die Ergebnisse die Exemplare selbst an Eleganz und Farbgebung zu übertreffen scheinen.
Wegen dieser besonderen Eigenschaften beginnen sich auch zeitgenössische Künstler*innen für diese historische Technik zu interessieren. So machte sich beispielsweise die Künstlerin Pia Östlund auf die Suche, um die verlorene Technik des Naturdruckes wiederzuentdecken. Sie schafft damit eine neue Verbindung zwischen Kunst, Wissenschaft und Technik. Auch Anna Artaker erweckte 2017 mit ihrer Ausstellung „The pencil of Nature“ im Kunstforum Wien, den Naturselbstdruck zu neuem Leben.

Anleitung Naturselbstdruck

Welche Pflanzen sind für diese Technik geeignet?

Bei dieser Anleitung arbeitest du mit der Pflanze als Druckstock. Am besten eignen sich dazu Blätter mit einer deutlichen Nervatur und einer interessanten Form. Auch Blüten, Stängel und Wurzeln sind geeignet. Diese brauchen eine gewisse Robustheit. Am besten ist, du legst die Pflanzenteile für ein paar Stunden in ein altes Buch oder eine Presse, um sie zu glätten und überschüssige Feuchtigkeit zu entfernen. Du kannst sie aber auch gleich frisch verwenden. Falls du gerne eine ganze Pflanze abbilden möchtest, bietet es sich an, Wurzel, Stängel, Blätter und Blüten einzeln zu drucken und Stück für Stück neu zusammenzusetzen. Damit sind wir aber schon bei der hohen Kunst des Pflanzendrucks. Ich schlage dir vor, dass du als Erstes ganz einfach, z. B. mit robusten Blättern anfängst.

Welche Materialien benötigst du?
  • Wasserlösliche Druckfarben z. B. Linoldruckfarben oder Acrylfarben
  • Papier z. B. Druckerpapier, Zeichenpapier, Japanpapier oder Stoffe. (Probiere hier einfach Verschiedenstes aus).
  • Zeitungen
  • Pinsel und oder Stupfpinsel aus Schaumstoff
  • evtl. Gummiwalzen
  • Pinzette
  • Glasplatte oder aufgeschnittenes Tetrapak
Naturselbstdruck Blatt einfärben
Einfärben mit dem Stupfpinsel aus Schaumstoff
Schritt für Schritt zum Naturselbstdruck
  1. Bereite dir den Arbeitsplatz vor. Belege die Arbeitsfläche mit Zeitungen und lege Pflanzen und Materialien bereit.
  2. Gebe eine kleine Menge der gewünschten Farbe auf die Glasfläche oder die Innenseite eines aufgeschnittenen Tetrapaks und verdünne sie evtl. mit Wasser. Sie sollte noch ein wenig dickflüssig bleiben. Mische und verteile sie vorsichtig mit dem Pinsel.
Naturselbstdruck Anleitung
  1. Lege den Pflanzenteil mit der Seite, die du drucken möchtest, nach oben auf die Zeitung. (Z. B. Blätter mit der hervorstehenden Nervatur nach oben). Jetzt kannst du die Oberfläche vorsichtig mit dem Pinsel oder Stupfpinsel einfärben. Achte darauf, dass die Fläche vollständig eingefärbt ist. Verwende die Farbe eher sparsam.
  2. Nehme den Pflanzenteil vorsichtig mit sauberen Fingern oder der Pinzette (Blätter beim Stiel) und lege ihn mit der eingefärbten Seite auf das Druckpapier.
Mit der Gummiwalze Farbe auftragen
  1. Lege ein Papier darauf. Reibe die Oberfläche sanft, aber kräftig mit der Hand. Du kannst dazu auch eine saubere Gummirolle verwenden.
  2. Dann hebst du das obere Blatt ab und entfernst die Pflanzenteile, am besten mit einer sauberen Pinzette und hebst sie gerade nach oben ab.
Naturselbstdruck Beinwell
  1. Ist der Druck schwer und detailarm geworden, dann verwende für den nächsten Druck weniger Farbe oder weniger Druck. Sieht das Ergebnis blass und fleckig aus, dann verwende beim Drucken mehr Farbe oder einen höheren Druck. Mache als Erstes ein paar Testdrucke
  2. Je nach Robustheit kann ein Pflanzenteil mehrere Male verwendet werden. Ein Farbauftrag kann zwei oder mehrere Abdrücke ergeben. Jeder Abdruck wird ein wenig heller als der vorherige.
Naturselbstdruck Technik
  1. Wenn du mit deinen Testdrucken zufrieden bist, nehme ein Papier von guter Qualität, drucke auf Stoffe oder auf andere Oberflächen.
Mehrfarbige Drucke
  • Reizvoll kann es auch sein, mehrfarbige Drucke auszuprobieren. Du kannst einen Pflanzenteil mit verschiedenen, im Idealfall sanft ineinander überlaufenden Farben einfärben.
Blatt dreifärbig einfärben
  • Oder du färbst den Hintergrund eines Blattes mit einer hellen Farbe und dann rollst du mit der Gummirolle eine dunkle oder kontrastreiche Farbe auf und färbst damit ganz vorsichtig nur die Nervatur des Blattes. (Leonardo da Vinci war der erste, der uns das anhand eines Salbeiblattes ganz genau erklärt hat.)
Naturselbstdruck Beinwellblatt
Nervatur sichtbar machen
  • Oder du färbst den Hintergrund deines Druckes, indem du mit der eingefärbten Gummirolle über das am Papier liegende Pflanzenstück walzt.
Hintergrundfarbe mit Gummiwalze
Naturselbstdruck mit Himbeerblättern
Hier ist die Hintergrundfarbe mit der Gummirolle bei zwei der Blätter aufgetragen worden

Die gestalterische Bedeutung des Naturselbstdruckes

Es ist unglaublich faszinierend, was alles mit diesem einfachen Verfahren möglich ist. Dabei steht naturgemäß die Pflanze stets im Mittelpunkt. Beim Arbeiten mit dieser Technik setzt du dich vertieft mit den Eigenschaften deiner gewählten Pflanzen auseinander. Das Verfahren fördert die Sorgfalt und den Respekt vor der Pflanzenwelt. Mit der Fokussierung auf die Form und die Textur einer Pflanze entstehen kunstfertige Gestaltungen, die mit ihrer schlichten Erscheinung und Lebensechtheit zutiefst berühren können.

6 Kommentare

  1. Du hast die Technik des Naturdrucks wirklich wunderbar beschrieben. Ich habe diese Druckform, die Pflanzenwelt einzufangen, während der Sommerpost2022 ausprobiert. Hätte ich diese Anleitung bitte schon währenddessen gehabt. Und nun habe ich während des Lesens wieder große Lust bekommen, meine Arbeit damit zu verfeinern. Liebe Grüße von Tomke

    1. Ich freue mich sehr, Tomke, dass du wieder Lust bekommen hast, mit dem Pflanzenselbstdruck weiter zu experimentieren und ich bin schon gespannt, was du damit machst. Liebe Grüße
      Romy

  2. Liebe Romy,
    Danke für diesen tollen Artikel. Du hast alles sehr wunderbar beschrieben und erklärt. Ich hatte noch in meiner Schulzeit in der Kunstschule damals, Blätter auf Stoffe gedruckt … Ach ich liebe es! So herrlich! Da bekomme ich ja direkt wieder Lust daran, was auszuprobieren!
    Liebe Grüße Sue

  3. Das ist ein so wunderbares Verfahren, das einen so gut und sozusagen buchstäblich mit der Welt der Pflanzen in Berührung bringt… Ich bin vor Jahren beim Ausprobieren auf das Kreativ-Buch von Irmgard Lucht gestoßen, in dem ich sehr gute Tipps fand und in ihr sozusagen eine Meisterin, die in dieser Technik ganze Bilder „malt“… Wie schön, dass du deine Erfahrungen mit uns teilst. Lieben Gruß Ghislana

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