12 von 12 im Mai 2026 – Momente aus meinem Alltag

Maienblau

Jungfer im Grünen. Das blaue Band aus dem Gedicht von Eduard Mörike fällt mir ein. Im Mai dominiert in meinem Vorgarten das Blau. Ein paar Samen haben sich im letzten Jahr zwischen Betonsockel und Hauswand angesiedelt. Unter dem schmalen Spalt dort bleibt es auch bei extremer Trockenheit feucht, und so sind sie die Ersten, die ihre Blütenköpfe öffnen.

Es ist eine schöne, alte Blogger:innen-Tradition, den 12. eines Monats in zwölf Bildern zu dokumentieren. Ins Leben gerufen wurde sie von Chad Darnell, weitergetragen im Blog von  Blog von Caroline Götze.
Ab jetzt mache ich mit und halte einmal im Monat Momente meines Alltags fest – berichte, was gerade im Werden und Wachsen ist.

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„Ein Adriatief“, höre ich im Radio. Wenn ich an die Adria denke, stelle ich mir Schöneres vor. Ein Blick in meine Wetterapp bestätigt es. Heute wird es regnerisch.
Auf der Terrasse empfängt mich eine wohltuend feuchte Luft. Von hinten, aus der Schwarzföhre, höre ich das Bettelgeschrei der jungen Waldohreulen. Ich stelle mir die kleinen wuscheligen Wesen zwischen den Ästen vor, ihre unermüdlich futtersuchenden Eltern unterwegs in der Morgendämmerung.
Was tun die Kleinen tagsüber? Schlafen sie? Verstecken sie sich reglos im Baum? Ich höre sie abends, in der Nacht und so wie jetzt am Morgen. Immer wieder ihre Rufe, damit die Eltern sie finden

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Gestern Abend hat ein Sturm gewütet. Ich mache eine kleine Inspektionsrunde. Mein Vorgarten schaut verzuselt aus. Durch die lang anhaltende Trockenheit sind die Pflanzen schwächer als sonst, und der wilde Wasserguss hat sie offensichtlich überfordert. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass sie sich bald wieder erholen werden.

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Der Apfel fürs Morgenmüsli ist rotwangig und glänzend. Gestern habe ich eine Geschichte über einen Apfel im Februar geschrieben. Ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass ein Apfel im Februar noch so aussieht, als wäre er gerade erst gepflückt worden.
Beim Recherchieren habe ich herausgefunden, dass dort, wo die Äpfel gelagert werden, der Sauerstoff stark reduziert wird, die Temperatur knapp über null Grad liegt und eine hohe Luftfeuchtigkeit herrscht. Es ist eine Art künstlicher Winterschlaf. Der Apfel atmet dadurch viel langsamer, und der Reifeprozess wird beinahe eingefroren. Eine künstlich eingefrorene Zeit. Trotzdem verändert sich etwas in seinem Inneren. Manche Aromastoffe verschwinden mit der Zeit.
Für die frischen Äpfel vom Baum muss ich mich noch ein wenig gedulden. Aber gestern habe ich Wildkirschen gesehen die sich bereits röten.

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Ich mache mir einen frischen Tee mit Minze und Zitronenmelisse aus dem Garten und setze mich an meinen Arbeitsplatz fürs morgendliche Schreiben. Eine Stunde lang schreibe ich online gemeinsam mit dreißig anderen Schreibenden von der Textmanufaktur.
Am Ende gibt es immer einen kurzen Austausch, und ich erzähle von der AutorInnentagung in München am letzten Wochenende die für mich sehr inspirierend und bestärkend war.
Danach schreibe ich noch eine Weile weiter. Ich bin eine Morgenschreiberin. Am Morgen ist mein Kopf klar. Die Ideen kommen leichter.

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Auch mein Hintergarten wirkt ein wenig zerrupft vom Sturm. Und doch habe ich das Gefühl, als wäre über Nacht alles ein Stück gewachsen. Die Bäume haben in dieser langen Trockenperiode förmlich nach Wasser gelechzt. Nachmittags, in der heißen Sonne, ließen manche ihre gerade frisch ausgetriebenen Blätter hängen.
Ich kann mich nicht erinnern, das im Mai jemals schon gesehen zu haben. Diese Trockenheit hat mich beunruhigt. Der staubig dürre Boden. Jetzt trinkt er sich voll, und ich hoffe auf noch mehr Regen.

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Von hinten höre ich die Hühner. Sie warten schon ungeduldig auf frisches Futter und Wasser. Ich kann kaum glauben, dass es erst zwei Wochen her ist, seit dieses Küken geschlüpft ist. Es ist ein Einzelkind geblieben.
Seitdem bin ich oft hinten im Hühnergehege auf Mutter-Kind-Beobachtung. Die zwei kreisen beständig umeinander. Mich berührt die Innigkeit zwischen ihnen. Es ist ein unermüdliches Aufeinander-Schauen und Miteinander-Reden.

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Dick eingemummelt hole ich den Hund meiner Nachbarin zu einer gemeinsamen Runde ab. Eigentlich würde man fast schon Handschuhe brauchen, denke ich, und ziehe mir mein Stirnband über die Ohren. Ein wilder Wind zerzaust das Fell des Hundes. Mir färbt er die Wangen rot.
Wir gehen vorbei an üppig wogendem Grün und weiten Feldern voller Kornblumen, Mohn und Margariten. Bis dicke Spargeln am Wegrand mich daran erinnern, dass ich bald etwas essen sollte — und so beenden wir unsere Runde.

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Basmatireis, veganes Currygeschnetzeltes und Salat. Nach unserer langen Tour durch Feld und Wald kann ich jetzt etwas Währschaftes vertragen.

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Ich schaue auf den Glücksklee, der in einem Topf auf der Terrasse wächst. Heute vor fünfundvierzig Jahren ist mein Sohn geboren worden. Ich denke zurück an das Glück dieses ersten Moments. An diese Stunden am frühen Morgen zwischen Nacht und Tag, wo alles still ist. Vor dem Fenster dunkelgrüne Föhren. Ein weißes Bett und ein neues, wunderbares Wesen, dem ich staunend zum ersten Mal begegne.
Ich erinnere mich an das vierblättrige Kleeblatt, das ich kurz vor der Geburt während einer Spazierrunde gefunden hatte.

Happy Birthday, Kaj.

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Mit dem Rad nach Pillichsdorf. Noch immer weht ein starker Wind. Mit dem E-Bike ist das kein Problem. Im Notfall hilft mir der Motor, und so genieße ich dieses Brausen um mich herum.
Im neuen Bauernladen gibt es Schmankerln aus der Region. Ich hole mir frische Milch aus dem Automaten.

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Ich überlege, die große Staude mit den Flockenblumen mit einem Stab zu stützen und zusammenzubinden. Dann entscheide ich mich doch, sie auszureißen und Platz für Neues zu schaffen. Im hinteren Teil lasse ich noch ein paar davon stehen. In die Lücke setze ich Amaranth und kalifornischen Mohn. Ich hoffe, dass sie bei diesem nasskühlen Wetter gut anwachsen werden.
Beim Graben in der Erde stoße ich schon nach fünf, sechs Zentimetern Tiefe auf trockene Erde. Es müsste noch viel mehr regnen.

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Beim Eindunkeln schaue ich noch einmal nach hinten zu den Hühnern. Alles in Ordnung. Sie sitzen brav in ihren Nestern. Als ich zurückkomme, leuchtet mir aus der Küche ein warmes Licht entgegen. In diesem Moment empfinde ich ein großes Glück, gerade jetzt hier zu sein.

7 Kommentare

  1. Ach liebe Romy, deine farbige Art zu schreiben, mit all den Begegnungen und Gedanken und Gefühlen, damit kannst du mich immer wieder so fein erden.

    Herzensgrüße aus dem ebenfalls endlich feuchteren Süden!

    Lisa

  2. Sehr berührend deine Texte, liebe Romy. Ich mag deine Fotos von Natur und Garten sehr. Mein Lieblingsfoto ist das Titelbild mit den wunderschönen blauen Blumen. Ich habe leider vergessen, wie sei heißen. Meine Schwiegermutter hatte sie im Garten. Lieben Gruß, Sigrid

  3. Liebe Romy, schön, dass du mich wieder einen Blick in deinen Alltag werfen lässt. Danke, dass du mich inspiriert hast, bei 12 vor 12 mitzumachen. Liebe Grüße aus der Schreibzeit am Morgen eva

    1. Danke Eva, ich habe dein 12 von 12 auch gerne gelesen.
      Ich habe dir auch einen Kommentar hinterlassen wollen.
      Aber es hat nicht funktioniert.
      Kann auch sein, dass ich etwas falsch gemacht habe.
      Liebe Grüße
      Romy

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