12 von 12 im Juni 2026 – Momente aus meinem Alltag

Glück

Gestern Abend, ein Moment zwischen Sonne und Regen. Ich drehte mich um. Wie eine weite Brücke erstrahlte am Himmel ein Regenbogen. Ein Spaziergänger, der meinen vergeblichen Versuch, ein Foto zu machen, bemerkt hatte, – die Batterie hatte ihren Geist aufgegeben – , bot mir an, ein paar Bilder per Mail zu schicken. In die Betreffzeile hatte er Glück geschrieben.
Ja, genau, dachte ich. Das wird mein Beitragsbild für mein 12 von 12. Denn genau das ist gerade mein Glück: Tag für Tag mit dem Rad durch die Felder des Weinviertels fahren und diese schönen Junitage genießen.

Es ist eine Blogger:innen-Tradition, den 12. eines Monats in zwölf Bildern zu dokumentieren. Ins Leben gerufen wurde sie von Chad Darnell und weitergetragen im Blog von Caroline Götze.
Monat für Monat sammle auch ich zwölf kleine Momentaufnahmen meines Alltags und erzähle von dem, was gerade im Werden und Wachsen ist.

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Seit ein paar Wochen schlafe ich wieder draußen auf der Terrasse. Als Erstes höre ich am Morgen die Amsel. Heute saß sie auf dem dürren Ast meines alten Zwetschkenbaums und jubilierte.
Ich drehte mich noch einmal um und schlummerte weiter. Für den Juni habe ich mir schreibfrei gegeben. Sonst beginne ich den Tag gleich nach dem Aufwachen – noch im Bett sitzend, den Kaffee neben mir – mit dem Schreiben. Diesen Monat darf alles ein wenig langsamer gehen.
Die Amsel unterstützt mich dabei. Unermüdlich singt sie weiter, bis ich schließlich aufstehe und mir mein Müsli mache.

-2-

Das Glück hat viele Gesichter. Mein neues selbstgebasteltes Gartentor ist eines davon.
Den blauen Duschvorhang habe ich in einen alten Transportrahmen gespannt. Wenn die frühe Sonne darauf fällt, tanzen Schattenflecken im Wind. Zwar weiß ich genau, wie es hinter diesem Tor aussieht. Doch das seltsame Licht und das Spiel der Schatten zaubern mir heimlich eine jenseitige Wunderwelt ins Gemüt.

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Mein erster Gang am Morgen gilt den Hühnern. Aus dem Kleinen ist inzwischen beinahe schon eine junge Erwachsene geworden. Die Bruthenne kümmert sich noch immer fürsorglich um ihren Nachwuchs und überlässt ihm beim Fressen die besten Brocken.
Unterdessen scheint auch das zweite Huhn mütterliche Gefühle entwickelt zu haben. Geduldig lässt es sich von dem Jungtier das Futter aus dem Schnabel stibitzen. Manchmal springt der kleine Frechdachs sogar auf ihren Rücken und genießt von dort oben die Aussicht.

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Monika. Seit einem halben Jahr treffen wir uns jeden Freitag um neun Uhr auf Zoom. Wir lesen einander unsere Texte vor und geben uns gegenseitig Rückmeldungen. Kennengelernt haben wir uns bei einem von der Textmanufaktur organisierten Blind Date – und es war ein Match.
Wie ich absolviert auch sie ein Fernstudium im autobiografischen und literarischen Schreiben. Wir sprechen über das Studium, über Zweifel und Fortschritte und über den langen Prozess, den ein Schreibprojekt mit sich bringt. Es ist mir jedes Mal eine Freude, sie zu sehen. Im Mai begegneten wir einander bei der AutorInnentagung in München zum ersten Mal außerhalb des Bildschirms. Auch dort stimmte die Chemie.

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Auf der Ablage beim Terrassenbett liegt seit gestern ein neues Buch. Meine Bekannte hat es mir nach unserem netten Plaudernachmittag zum Lesen dagelassen: Mein Weinviertel II. Zwölf Autorinnen und Autoren mit persönlichem Bezug zum Weinviertel erzählen vom alten und vom neuen Weinviertel, von Veränderung und davon, was geblieben ist.
Am Wochenende war ich mit dem Radl über die Hügel oberhalb von Ulrichskirchen unterwegs, durch Kellergassen und Hohlwege. Ganz oben weitete sich der Blick. Das Weinviertel lag vor mir, und in mir die wachsende Frage, ob es mir inzwischen Heimat ist.

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Was wäre, wenn Pflanzen uns genauso beobachten wie wir sie? Können Menschen mit Pflanzen in Beziehung treten oder sogar mit ihnen kommunizieren? Was bedeutet Bewusstsein, und ist es ausschließlich dem Menschen vorbehalten? Wie verändert sich unser Blick auf die Welt, wenn wir uns als Teil eines größeren Ganzen verstehen? Und wie beeinflussen Einsamkeit, Aufmerksamkeit und Geduld unsere Wahrnehmung?
Gerade habe ich über den Film Silent Friend recherchiert: Ich werde mir den Film ausborgen und auf meinem Laptop anschauen. Die Fragen, die er aufwirft, begleiten mich jedenfalls schon jetzt.

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In meinen Pflanzkübeln im hinteren Garten gedeihen Kapuzinerkresse und Zucchini. Die leuchtend orangefarbenen Blüten der Kresse verwende ich als würzige Zutat für meine Salate.
Der starke Regen vorgestern Nacht war ein Segen. Die erste Zucchini ist merklich gewachsen. Bald werde ich sie ernten können.
Im Erdreich daneben ist ein Same des Neuseeländer Spinats aufgekeimt. Vor ein paar Jahren hatte ich in der hiesigen Samengreißlerei eine Jungpflanze gekauft. Im Herbst verstreute sie ihre Samen, und seither wiederholt sich das zuverlässig, Jahr für Jahr. So kann ich jeden Spätsommer diesen wunderbaren Spinat in Hülle und Fülle genießen.

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Trotz der voraussichtlich baldigen Hülle und Fülle in meinem Garten ist Einkaufen angesagt. Unterwegs sehe ich die Ankündigungen, und mir wird ein wenig mulmig zumute.
Loch’n und Leich’n im Kölla – Lachen und Leichen im Keller.
Am Samstag, dem 4. Juli, wird mir dort um 16.45 Uhr mein Viertelstündchen schlagen. In meiner Lesung geht es um eine Prozession und eine erste Leich …
Bis dahin bleibt mir noch ein wenig Zeit, mich an den Gedanken zu gewöhnen. Noch liegt mehr Sommer als Schrecken vor mir.

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Nach dem Einkaufen räume ich den Geschirrspühler aus.
Ich bin so froh über dieses Gerät in meiner Küche. Es nimmt mir viel Arbeit ab. Seit auf meinem Dach Sonnenfänger installiert sind, nutze ich die Mittagsstunden, um es laufen zu lassen. Die Sonne spült mein Geschirr und trocknet es. Was für ein schönes Leben.

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Türkis und grün leuchtet es mir entgegen. Die Kräuter auf meiner Küchenablage erinnern mich an mein gestriges Kochabenteuer. Mein Mittagsgast vertrug weder Zwiebeln noch Knoblauch. Das forderte mich heraus und bescherte mir neue Geschmackserlebnisse. Es verlangte nach einem feineren Gespür für die einzelnen Zutaten, und das Ergebnis war das Wagnis wert. Vor allem die Kräuter traten deutlicher hervor und fügten sich auf ausgewogene Weise zu einem harmonischen Ganzen. Es hat uns beiden sehr gemundet.

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Eine spätnachmittägliche Runde dem Rußbach entlang. Der Wind begleitet mich und streicht durch die Gräser am Wegrand. Vor mir ist es der Wiesenhafer, auf der anderen Seite des Baches das Schilf und weiter hinten ein reifendes Getreidefeld.

-12-

Als ich in Berlin am Prenzlauer Berg durch die frühsommerlichen Straßen ging, wehte mir ein intensiver Lindenduft um die Nase. Auch hier stehen die Linden in voller Blüte. Ich öffne die Nasenflügel, bereit, mich einem Dufterlebnis hinzugeben.
Ist das ein Duft? Fein und zart. Fast bin ich mir nicht sicher, ob es nur Einbildung ist, nur Erinnerung. Als kleine Entschädigung recken sich mir auf Augenhöhe wunderschöne Sterne entgegen.

6 Kommentare

  1. Liebe Romy, vielen Dank für den Einblick in deinen 12. Juni. Ein ganzer Monat schreibfrei, vielleicht sollte ich das auch mal versuchen. Viel zustande bringe ich zurzeit ohnehin nicht. Und draußen schlafen werde ich heute Nacht zwar nicht, aber im Wintergarten. Liebe Grüße nach Österreich eva

    1. Liebe Eva,
      ja nach drei Jahren täglichem Schreiben war es höchste Zeit für eine Pause.
      Ich genieße diese Zeit sehr und … natürlich freue ich mich schon jetzt aufs Weiterschreiben :–)

  2. Liebe Romy, beim Lesen deiner 12 von 12 hatte ich das Gefühl, mit dir durch diesen Junitag zu spazieren. So viele kleine, achtsam beobachtete Momente, die zeigen, wie viel Glück im Alltäglichen steckt. Ich mag den Gedanken, dass Düfte Erinnerungen konservieren können. Manchmal genügt ein Hauch von Lindenblüten, und schon ist ein Ort, ein Gespräch oder ein gemeinsamer Tag wieder ganz nah. Dass du am Ende nicht nur die Sterne der Lindenblüten, sondern auch die Erinnerung an Berlin mitgenommen hast, freut mich sehr.

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