Romys Nacht- und Tag-Buch 150
Vielleicht geht es darum, die feinen Fäden unseres Miteinander-Seins wieder bewusster ins Blickfeld zu rücken. Dieser Gedanke taucht auf, wenn ich auf die vergangene Woche zurückblicke. Das Miteinander als tragende Essenz des Lebens
Sonntag, 14. Dezember
Manchmal begleitet mich der Hund meiner Nachbarin auf meinen Runden. Mir fällt auf, dass mir die Menschen dann anders begegnen, eine Spur freundlicher, aufmerksamer vielleicht. Diesmal ist es ein älterer Herr, der mir entgegenkommt. „Ja, was bist denn du für einer“, murmelt er, dann, ein wenig lauter: „Grüß Sie Gott.“ Sein strahlendes Lächeln trifft mich wie ein Lichtstrahl.
Im Weitergehen gerate ich ins Sinnieren. Was für eine wunderbare Grußformel, denke ich. Wie schön wäre es, mit diesen Worten das Göttliche im Gegenüber anzusprechen? Oder vielleicht – das Göttliche im Hund?
Montag, 15. Dezember
Er verwandelt sich langsam in ein Kunstobjekt, mein Gartenstuhl. Nur selten wage ich es, mich auf ihn zu setzen. Wer weiß, wie lange mich seine Sitzfläche noch tragen wird. Vielleicht ist das schwer nachvollziehbar, aber für mich ist er noch immer ein Schmuckstück. Was heiß noch immer? Eigentlich immer mehr.
Er beginnt zu leben, streckt seine Fühler aus. Und langsam, ganz sachte, verschmilzt er mit seiner Umgebung. Er erinnert mich daran, dass alles aus der Natur kommt und wieder Natur wird. Im Vorbeigehen lacht er mich an – mit seinem unwiderstehlichen Rot.

Montag, 15. Dezember
Draußen ist es trüb. Seit Tagen bietet das Wetter nichts Neues. Der Sonntag gehört dem Faulenzen. Lesend begebe ich mich auf Reisen und bleibe doch gemütlich auf meiner roten Couch im Wohnzimmer liegen.
Mittags dann ein langes Telefonat mit meiner Tochter. Was gibt es Neues? Erzählen, plaudern, lachen. Rund um mich Kerzenlicht und Lichterglanz.

Dienstag, 16. Dezember
Kaum zu glauben – in den Bergen soll die Sonne scheinen. Von der derzeitigen Hochdrucklage ist hier unten kaum etwas zu spüren. Tagsüber liegt eine zähe Nebelglocke über uns, schwer von Feuchtigkeit, und lässt kaum Licht hindurch. Am Abend jedoch begleitet mich die Weihnachtsbeleuchtung durch den Schlosspark. Die Lichter spiegeln sich im Teich, vervielfältigen sich im Dunkel und legen einen hellen, schwebenden Glanz über das Wasser.

Mittwoch, 17. Dezember
In Berlin ist der Himmel tiefblau, erzählt Kerstin beim Whatsappen, und die Weihnachtsgans liegt schon auf Eis. Sofort ploppen Erinnerungen ans letzte Jahr auf. Meine erste Weihnachtsgans – und dann stand ich plötzlich allein mit ihr in der Küche. Wie soll man so ein Unding wenden? Kerstin lag mit heftigen Kopfschmerzen im Bett. Zum Glück kam Nadja. Auch Kerstin ging es bald wieder besser. Und so hat es dann doch geklappt: mit der Gans, den Klößen und dem Rotkraut. Bilder, die geblieben sind: der festlich gedeckte Tisch, das warme Licht, das feine Zusammensein, Wunderkerzen, Sekt.
Donnerstag, 18. Dezember
Am Nachmittag ein Treffen mit meinen Schreibfreundinnen im Schopi. Das Reden über unser manchmal mühsames, herausforderndes und dann doch auch wieder beseelendes Schreibabenteuer tut gut. Anschließend gehe ich zur Eröffnung der Ausstellung We are nature von Angela Tröndle in der Galerie Freihaus. Dort erwartet mich inmitten der vom vorweihnachtlichen Trubel übersättigten Stadt ein kleines Paradiesgärtlein. Angelas zarte, filigran gestalteten Aquarelle und Cyanotypien spiegeln Natur- und Menschenwelten und die feinen, unsichtbaren Fäden unseres Miteinander-Seins.

Freitag, 19. Dezember
Das feuchte Wetter bietet ideale Wuchsbedingungen. Die Temperaturen bleiben meist über dem Gefrierpunkt. Die Primel in meinem Vorgarten hat das Warten satt. Oder sie hat einfach vergessen, dass es eigentlich noch lange Winter ist? Eine erste gelbe Blütenknospe hat sich gebildet. Vorwitzig leuchtet sie mir entgegen, und ich bin neugierig, wie schnell sie weiterwachsen wird.
Samstag, 20. Dezember
Ich habe keine Ahnung, warum das heuer so ist, warum ich die Eigenheiten und den Rhythmus des Jahreslaufs so intensiv wahrnehme. Zwanzigster Dezember – jetzt beginnt der Countdown Richtung Weihnachten. Ich richte das Wohnzimmer her, ordne um, hänge neue Bilder auf. Die Astskulptur findet ihren Platz und schafft ein neues Raumgefühl. Wo bei den meisten ein üppig geschmückter Weihnachtsbaum steht, ist es bei mir eine nüchterne Astskulptur. Bei diesem Gedanken grinse ich still in mich hinein.
Danke fürs Teilhaben an Deinen Eindrücken , liebe Romy!
Leider hatte ich es nicht zur wunderbaren Ausstellung von Angela Tröndle geschafft. So seh ich sie durch Deine Worte vor meinem inneren Auge.
Liebe Grüße, Gina