Novemberträumereien

Romys Nacht- und Tag-Buch 147

Der November lädt ein zum Rückzug ins Innenleben. Dort wächst die Kraft der Träume, immer bereit, neu entdeckt zu werden.

Sonntag, 23. November

Musik zum Meditieren und Träumen. Auf der Einladung steht, man könne eine Decke mitnehmen. Meine Neugier ist geweckt: Noch nie habe ich ein Konzert im Liegen genossen. Das Streichorchester der Musikschule Wolkersdorf gibt an diesem Samstagabend sein Herbstkonzert. Der Kultursaal in Oberdorf erstrahlt in weichem Kerzenlicht. Wir finden einen Platz ganz vorne und richten es uns am Boden gemütlich ein. Dann beginnt eine Reise durch die Sphären zeitgenössischer Musik – eine Klangreise hinein in ein fast schwebendes Gefühl.

Montag, 24. November

Am Sonntagnachmittag bekomme ich Unterstützung. Meine Enkelin ist gemeinsam mit ihrer Freundin mit dem Zug aus Wien angereist. Mit meinen Arbeitshandschuhen ausgerüstet helfen sie mir, die geschnittenen Äste zum Hänger zu tragen. In der nachmittäglichen Wärme ist der Schnee schon weniger geworden; am Morgen war noch alles dick zugeschneit. Nach und nach werden die Haufen kleiner, und der Hänger füllt sich gut. Danach ein gemütliches Schmausen und Plaudern im warmen Wohnzimmer: Mohn- und Apfelkuchen, dazu ein Kompott von Quitten und eines von Weinbergpfirsichen.

Dienstag, 25. November

Die Textmanufaktur lädt am Abend zu einem Blind Date der besonderen Art. In einem Break-out-Room auf Zoom finden wir uns, in einer zufälligen Kombination – zu dritt. Jeweils zwanzig Minuten, um über unsere Buchprojekte zu sprechen: über das, was wir daran lieben, und das, was wir uns davon erhoffen. Es ist ein komprimierter Austausch, dicht und anregend – und wie immer, wenn es gut wird, verfliegt die Zeit. Wir hätten einander noch viel zu erzählen gehabt.

Mittwoch, 26. November

Die winterliche Nachmittagssonne verleiht der Zufallskunst im Bücherregal einen neuen Auftritt. Ein verwaister, mit Maulwurfhügelerde zementierter Sockel, in den ich eine ausgedörrte, schon brüchige Riesenzwiebelblüte gesteckt hatte, ein darauf schwebendes versilbertes Ei, für das sich kein passender Platz fand. – Im warmen Licht, mit dem zarten Schatten an der Wand, entsteht ein Moment von zerbrechlicher Schönheit – einer, der tief in mir etwas ins Klingen bringt.

Donnerstag, 27. November

Ich gehe durch den Regen und halte mir das Handy ans Ohr: ein Dreier-Telefonat für die österreichisch-schweizerische Weihnachtsplanung. Unter den Arkaden des Hotels Regina rette ich mich ins Trockene. Mein abenteuerlustiger Vorschlag, im Garten ein Feuer zu machen und Würstel zu grillen, stößt in der Schweiz auf höfliche Zurückhaltung. Das Gespräch mäandert, verliert sich in Ideen, die kurz aufblitzen und gleich wieder verschwinden. Das Spanferkel war wohl eher witzig gemeint. Mein Zahnarzttermin rückt näher. „Ich muss jetzt los“, sage ich – und erkläre mich mit allem einverstanden.

Freitag, 28. November

Noch mitten am Nachmittag, und es ist bereits düster draußen. Keine Helligkeit an diesen letzten Novembertagen. Mit dem näher rückenden Advent wächst in mir das Bedürfnis nach Grün und Rot, nach herzerwärmendem Kerzenlicht. Ich hole Efeu aus dem Garten. Thujengrün und Seidenföhre habe ich beim Wegführen der Äste vom Grünschnittplatz mitgenommen. Dann nur noch den Keramikring mit Wasser füllen, die Ästchen hineinstecken, vier Kerzen in die Mitte – und voilà: fertig ist mein Adventskranz.

Samstag, 29. November

Im Zug sitzen und vor mich hinträumen. Ich kuschle mich in den roten Sessel und staune durchs Fenster hinaus in die vorbeiflitzende Landschaft. Die leicht rüttelnden Bewegungen versetzen mich in einen meditativen Zustand. Je näher wir der Stadt kommen, umso lebendiger wird es um mich herum. Der Waggon füllt sich. Stimmen und Schritte. Ich werde wacher jetzt. Im Zuginnern genieße ich die Begleitung einer bunten Gesellschaft. Draußen dunkelt es schon.


2 Kommentare

  1. Liebe Romy, danke für deine meditativ anmutenden Texte.
    Für den 1. Advent wünsche ich dir einen stimmungsvollen und ruhigen Sonntag!
    Liebe Grüße,
    Cornelia

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