Gespräche mit dem Japanknöterich

Japanknöterich im Winter
Der Japanknöterich lachte mir in der Wintersonne entgegen

IM JANUAR 2020 ENTSTAND EINE SERIE AUS SIEBEN CYANOTYPIEN MIT DEM JAPANKNÖTERICH Fallopia japonica. Der ersten dieser Arbeiten wollte ich spontan den Titel „Corona“ geben. Damals wurde jedoch aus China ein neuartiges Virus mit diesem Namen gemeldet. Deshalb nahm ich davon Abstand und nannte sie erstmal neutral und unverfänglich „Winterblumenkranz“. In diesem Artikel erzähle ich dir die Entstehungsgeschichte der Arbeiten, beleuchte die Hintergründe und teile meine Gedanken dazu.

CORONA

Das Wort Corona kommt ursprünglich aus dem Altgriechischen und bedeutet Krone, aber auch Kranz. Der Kranz zeigt das Wesen der Natur als ewigen Kreislauf. Aus dem Kranz, der ersten Arbeit dieser Serie, entwickelten sich alle übrigen Formen als Variationen. Schon immer übt die Form des Kranzes eine besondere Faszination aus. Urbild ist der bei absoluter Sonnenfinsternis entstehende Lichtkreis, der zumeist die Form eines Kranzes annimmt.

Der Brauch des Bekränzens und Krönens hatte im antiken Griechenland einen besonderen Stellenwert. Gekrönt wurde anfänglich mit speziellen Pflanzenarten, beispielsweise Lorbeer, Rose, Olive oder Efeu. Sie sollen das vitale Pflanzenleben, das die Kraft der Sonne absorbiert, an ihre Träger übermitteln.

Beim Coronavirus leitet sich der Name von der Außenhülle des Virus ab. Diese hat die Form einer nach außen gerichteten Krone. Ich denke, Künstler*innen und das Coronavirus haben etwas gemeinsam: als Seismografen dieser Welt nehmen sie die feinsten Bewegungen auf und machen sie wie durch ein Vergrößerungsglas sichtbar. Ein winziger Virus beschäftigt die menschliche Welt und bringt unsere gewohnten Sichtweisen ins Wanken. Dieser Virus trägt eine Krone, …

"Corona" Cyanotypie auf Leinen, 95x95cm, © Romy Pfyl 2020
„Corona“ Cyanotypie auf Leinen, 95x95cm, © Romy Pfyl 2020

DAS TOR

Wenn ich mit einer Pflanze gestalte, lasse ich mich auf ein Gespräch ein. Oft kommt der Impuls dazu überraschend, im Vorbeigehen: ein Hinschauen – ein Staunen. Der Japanknöterich lachte mir in der Wintersonne entgegen und lud mich ein. Pflanzen haben eine andere Art zu kommunizieren, sie benutzen dazu unterschiedliche Sinne, haben ein anderes Tempo als wir. Für uns ist es schwierig, sie zu verstehen. Vielleicht ist ihre Schönheit, mit der sie uns ansprechen, ein erstes kleines Tor.

"Das Tor" Cyanotypie auf Leinen, 95x95cm, © Romy Pfyl 2020
„Das Tor“ Cyanotypie auf Leinen, 95x95cm, © Romy Pfyl 2020

BLAUE JAPANERIN

Diese Arbeiten sind mit den winterlichen Blütenrispen des Japanknöterichs gestaltet. In jeder Pflanze, mit der ich mich beschäftige, wartet eine neue Geschichte auf mich. Fallopia japonica, Japanknöterich ist eine Einwanderin aus Japan. Dort wird sie hauptsächlich als erstes Frühlingsgemüse verwendet und ist auch in den Tempeln hochgeschätzt. Mit ihrer Umgebung lebt sie in Harmonie und sie zu finden bedeutet Glück.

"Blaue Japanerin" Cyanotypie auf Leinen, 95x95cm, © Romy Pfyl 2020
„Blaue Japanerin“ Cyanotypie auf Leinen, 95x95cm, © Romy Pfyl 2020

DIE WANDERIN

Pflanzen wandern, Menschen wandern schon immer und überall. Sie brechen auf, verlassen den angestammten Ort und lassen sich woanders nieder. Bei Menschen geschieht das oft durch äußeren Druck, durch Not. Willkommen sind zumeist beide nicht.

Warum aber, so fragt man sich, beginnen Pflanzen zu wandern? Zumeist reisen sie im Rucksack oder auf den Fußsohlen der Menschen mit oder sie werden als fremde Kostbarkeit in botanischen Gärten ausgestellt und machen sich von dort aus auf, die Umgebung zu erkunden.  Manche erscheinen irgendwann, tauchen auf, entlang von Bahngleisen und von Flüssen wie von fremden Sternen hergezaubert.

Der Japanknöterich war ursprünglich in China, Korea und Japan zuhause und wurde 1825 von Phillip Franz von Siebold in Europa eingeführt. Zu Beginn wurde er als Zierpflanze, zur Wildäsung, als Sichtschutz und auch als Bienenweidepflanze genutzt. Bald schon begann er sich intensiv zu verbreiten und wurde zur unerwünschten Plagepflanze erklärt. Die Liste seiner Untaten erweiterte sich ständig und schließlich schaffte er es sowohl in Europa als auch in Amerika und Australien zur meistbekämpften und – gehassten Pflanze zu werden.

In Asien wird diese Pflanze als Gemüse angebaut. Sie benötigt keine Düngung und keine Schädlingsbekämpfung. Die jungen Sprossen können auf vielfältige Weise genutzt werden und schmecken köstlich.  Sie ist eine hochwirksame Heilpflanze sowohl für Menschen, Tiere als auch für Pflanzen. Sie lässt sich zur Sanierung verseuchter Böden nutzen, weil sie diesen die Schwermetalle entzieht. Zudem erzeugt sie eine große Menge Biomasse, doppelt so viel wie vergleichsweise Mais. Ihr Brennwert ist vergleichbar mit dem von Holz. Verschiedene Singvögel haben die dicht wachsenden Bestände als Neststandort entdeckt und laben sich an ihren Samen.

"Die Wanderin" Cyanotypie auf Leinen, 95x95cm, © Romy Pfyl 2020
„Die Wanderin“ Cyanotypie auf Leinen, 95x95cm, © Romy Pfyl 2020

GELIEBT/GEHASST

Wovon genau hängt es ab, ob etwas geliebt oder gehasst wird? In der Zeit des Coronavirus geraten lang gehütete vermeintliche Sicherheiten und Gewissheiten ins Wanken. Ist der Mensch wirklich die Krone der Schöpfung? Oder ist er ganz einfach ein Teil der Natur, nicht mehr und nicht weniger?

"Geliebt/ Gehasst" Cyanotypie auf Leinen, 95x95cm, © Romy Pfyl 2020
„Geliebt/ Gehasst“ Cyanotypie auf Leinen, 95x95cm, © Romy Pfyl 2020

DAS BLAUE WUNDER

Ich beschäftige mich hauptsächlich mit Fotogrammen von Pflanzen. Dabei wird mit der Kraft der Sonne die Form der Pflanze, ihre Essenz, ans Trägermaterial übermittelt. Das Schlichte und Natürliche dieses Vorgangs ist der Grund, warum mich diese Technik, seitdem ich sie für mich entdeckt habe, so sehr fasziniert und fesselt. Cyanotypie ist eine der ursprünglichsten Formen der Fotografie. Sie funktioniert ohne Kamera. Es wird mit Sonnenlicht belichtet und mit Wasser entwickelt.

Im Jahr 1842 entwickelte der englische Naturwissenschaftler und Astronom Sir John Herschel dieses Verfahren, das auf Eisen und nicht auf Silber beruht, welches sonst bei der herkömmlichen Herstellung von Fotoabzügen (und den zuvor erfundenen Verfahren) verwendet wird. Das Verfahren hat gegenüber anderen fotografischen Verfahren mehrere Vorteile: Die Fotoschicht kann auf beliebigen Oberflächen erzeugt werden, es ist ungiftig, es ist leicht handhabbar und das Verfahren produziert stabile, lichtechte und haltbare Ergebnisse.

"Das blaue Wunder" Cyanotypie auf Leinen, 95x95cm, © Romy Pfyl 2020
„Das blaue Wunder“ Cyanotypie auf Leinen, 95x95cm, © Romy Pfyl 2020

WINTERBLUME

Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt.“

Albert Camus
"Winterblume" Cyanotypie auf Leinen, 95x95cm, © Romy Pfyl 2020
„Winterblume“ Cyanotypie auf Leinen, 95x95cm, © Romy Pfyl 2020

6 Kommentare

  1. Liebe Romy, deine Arbeiten sind so mit der Essez der Pflanzen beseelt. Mit deinen wunderbaren Beschreibungen nährst du den schöpferischen Funken in mir. Ich hänge dir jedes Mal an den Lippen und mit jedem Wort rückt mir der Herzschlag der Natur näher. DANKESCHÖN 💞

    1. Wie schön liebe Michaela, ich bin schon sehr gespannt und darauf, wie sich deine schöpferischen Funken mit dem Herzschlag der Natur äussern werden …und ich freue mich. Danke!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.