Der Letzte und der Erste

Romys Nacht- und Tag-Buch 152

Der letzte und der erste Tag des Jahres – alles wie immer … comme d’habitude. Rund um diese Tage haben manche über die Jahre gewachsenen Gewohnheiten den Status von Traditionen erreicht.

Sonntag, 28. Dezember

Gestern hat mich der grippale Infekt dann endgültig eingeholt. Schade, dass ich unser chinesisches Familienessen verpasse – eine Einladung meiner Schwiegertochter. Ich koche mir Hollertee mit Zitrone und richte es mir im Bett gemütlich ein. Lesen und am Laptop kitschige Weihnachtsfilme schauen trösten mich über das Verpasste hinweg.

Montag, 29. Dezember

Stundenlanges Lesen – ein Eintauchen in eine dichte, fesselnde Geschichte. Der Papierpalast erzählt von einer Frau in der Mitte ihres Lebens. Lesend begleite ich sie durch ein eng verwobenes Geflecht aus Erinnerungsräumen: Familie, erste Liebe, Verletzungen und Bindungen. Alles verdichtet sich auf einen einzigen Tag – und mündet schließlich in eine überraschende, lebensverändernde Entscheidung.

Dienstag, 30. Dezember

In der Früh spiegelt sich vor dem noch dunkelschwarzen Morgen die weiße Amaryllisblüte im Fensterglas. Weiß wie Schnee, weiß wie Schneewittchens Haut, geht es mir durch den Kopf – und die Frage der Königin, wer die Schönste sei. Auch die Amaryllis ist eine Königin. Sie fragt nicht. Vielleicht, weil sie weiß: Spiegel antworten nur im Märchen. Und sonst bewahren sie, was ihnen gezeigt wird.

Mittwoch, 31. Dezember

Der Letzte. Der letzte Tag. Wie dramatisch das klingt. Ein Jahr mit einem ersten und einem letzten Tag. Wem ist das eigentlich eingefallen? Manche von uns, ganz wenige versuchen einfach so weiter zu tun, wie wenn da nichts wäre. Es ist aber schwer, sehr schwer, sich da raus zu halten. Das geschäftige Treiben steigert sich bis in die letzten Sekunden des alten Jahres hinein. Am Ende werden sie gezählt. Dann wird das Neue enthusiastisch begrüßt, Feuerregen am Himmel und Geknatter. Die Hunde können ein Lied davon singen.

Donnerstag, 1. Januar

Silvester, Neujahr verbringe ich in der Steiermark. Noch schlaftaumelig und beinahe als letzte erscheine ich am Frühstückstisch. Gestern haben wir bis in den Morgen hinein gefeiert, geschmaust, getrunken und es uns gut gehen lassen. Vom Donauwalzer und ein paar unverwüstlichen Radioschnulzen haben wir uns ins neue Jahr hinübertragen lassen.

Freitag, 2. Januar

Er ist eine der bewährten Traditionen – der Spaziergang ins noch frische Jahr hinein mit meiner Freundin Theresia. Auch heuer sind wir zu zweit unterwegs. Nein, wir sind zu dritt: Viona, die Hündin, ist auch dabei. Wir gehen über den Hang hinunter, durch pulvrigen Schnee. Über uns spannt sich ein tiefblauer Himmel. Eisiger Boden, gefrorene Wege im Wald. Auf dem Rückweg dunkelt der Himmel, und ein beinahe voller Mond schaut mir beim Pinkeln zu.

Samstag, 3. Januar

Die Schafmutter verweigert einem ihrer Zwillingslämmer die Muttermilch. Mario zieht es mit der Flasche auf. Auf seinen staksigen Beinen folgt es ihm über den Hof wie ein kleiner Hund. Mario setzt sich auf die Bank, dann beginnt ein gierig, inniges Trinken. Was für ein Glück. Es ist reine Freude, diesem jungen, quicklebendigen Wesen zuzusehen.


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