Rot
Rot wie meine Wangen beim Radlfahren. Rot wie die Schalen der Granatäpfel und rot gepunktet wie mein Morgenmüsli. Rot nimmt an diesem Tag einen prominenten Platz ein.
Es ist eine schöne, alte Blogger:innen-Tradition, den 12. eines Monats in zwölf Bildern zu dokumentieren. Ins Leben gerufen wurde sie von Chad Darnell und im Blog von Caroline Götze weitergetragen.
Ich mache mit und halte einmal im Monat Momente meines Alltags fest. Ich berichte, was gerade im Werden und Wachsen ist.
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Zwischen Schlaf und Wachsein. Ein wenig taumelig noch. In die Küche wanken. Weiterschlafen oder aufstehen? Ich blinzle nach der Uhr. Zehn nach fünf. Mein noch träger Kopf bekommt eine Rechenaufgabe. Um halb zehn bin ich schlafen gegangen. Wie viele? Die Finger helfen mit … Acht Stunden. Beinahe. Also aufstehen.

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Die Nächte sind kühl geworden. Seit zwei Tagen schlafe ich wieder drin in meinem Schlafzimmer. Ich öffne die Terrassentür und halte meine Nase in die frischfeuchte Luft. Mein verwaistes Bett steht im Eck. Ich werde wen bitten müssen, mir beim Hineintransportieren zu helfen. Es ist noch dunkel. Einzig das Licht vom Bad erhellt einen rechteckigen Fleck.

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Ich sitze im Bett. Im Rücken mein Sitzkissen. Auf der dicken Ahornholzplatte rechts von mir eine Tasse mit Holunderblütentee. Aufstehen und schreiben. In diesen Stunden zwischen Nacht und Tag ist dafür für mich die beste Zeit. Die Kontrollmechanismen und die Zweifel des Tages ruhen noch. Dann bin ich fokussiert und ich vertraue einer Kraft jenseits des Verstandes.

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Beim Blick aus dem Fenster sehe ich über dem Nussbaum vis-à-vis, wie der Himmel ein zartes Blau wagt. Der Tag verspricht, uns mit freundlichem Herbstwetter zu verwöhnen.
Die Früchte am Granatapfelbaum im Vorgarten haben in den letzten Tagen deutlich Farbe gewonnen. Ich frage mich, ob die nächtliche Kälte ihnen wohl die Wangen gerötet hat. Auf der glänzenden Oberfläche der Früchte tanzen die Schatten des Lichts der Strassenlaternen. Soll ich es wagen? Ein erster Granatapfel zum Frühstück? Fast fünfzig Früchte sind heuer auf diesem kleinen Baum gewachsen, und ich entscheide mich für die Ernte eines Granatapfels, der eines der dünnen Ästchen mit seinem Gewicht fast bis zum Boden gezogen hat.

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Es war nicht zu früh. Die dunkelroten Kerne bestätigen mir seine Reife. Heute wird mein Morgenmüsli rot gepunktet sein.
Ich übergieße Chiasamen und Haferflocken mit heißem Wasser, lasse sie zehn Minuten quellen. Mische Joghurt, Granatapfelkerne und Honig dazu. Und zum Schluss streue ich ein wenig Zimt darüber.

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Morgen werde ich ein frisches Roggenbrot backen. Dafür möchte ich heute den Sauerteig aktivieren. Ich nehme ihn aus dem Kühlschrank und mische ihn mit einem Messbecher voll frisch gemahlenem Roggen und einem Messbecher voll Wasser. Den Deckel des Glases lege ich locker auf, damit die Mikroorganismen arbeiten können. Bald werden sich Blasen bilden und der Teig wird aufgehen.
Im Vorratsschrank bleibt mir nur noch ein halbes Packerl Roggenkörner. Also ist eine Einkaufsrunde angesagt.

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Zum Glück habe ich die Handschuhe angezogen. Unterwegs mit dem Drahtesel ist mir in der festen Regenjacke fast ein wenig kalt. Wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich das warme Innenfutter einknöpfen.
Das Gras am Bachrand ist wieder frisch ausgetrieben. Meine Augen laben sich am Grün, und ich bin froh zu sehen, wie schnell sich die Wiese nach dieser extremen Hitze und Trockenheit erholt hat. Im Hochsommer war nach der Mahd alles dürr und gelb.

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Die Blätter des wilden Weins haben sich bereits rot verfärbt. In der Luft der Geruch eines Holzfeuers. Bald werde auch ich meinen Holzofen im Wohnzimmer wieder in Betrieb nehmen. Ich muss noch Holz bestellen, schießt es mir durch den Kopf.

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Auf einem Tischchen vor dem Haustor präsentiert eine tüchtige Gärtnerin ihre Gemüseschätze. Es gibt frischen Petersil. Rotbackige Prinz-Rudolf-Äpfel. Pfefferoni und Feigen. Ich entscheide mich für Kraut und Paradeiser. Das Geld dafür werfe ich ins Postkastl.

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Im Kühlschrank vom Bauernladen entdecke ich zu meiner Freude frischen Weinviertler Ingwer. In der kalten Jahreszeit ist heißer Ingwertee mit Zitrone und Honig eines meiner Lieblingsgetränke.
Schon seit Langem überlege ich, einen Versuch zu machen und Ingwer im eigenen Garten anzubauen. Ich werde diesen ausgetriebenen Ingwer in die großen Töpfe setzen, in denen ich heuer Zucchini angebaut habe, und ihn in meinem Keller überwintern lassen. Dann bin ich gespannt, ob der Ingwer im nächsten Sommer auf meiner Terrasse austreiben und neue Wurzelknollen bilden wird.

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Jedes Mal, wenn ich nach hinten zum Hühnergarten gehe, habe ich den Eindruck, mein Hahn sei schon wieder ein Stück gewachsen. Unterdessen überragt er die beiden jungen Hühner, die ein paar Wochen älter sind als er. Auch seine Brutmutter und das zweite ältere Huhn schauen neben ihm klein aus. Sein Federkleid entwickelt sich in den prächtigsten Farben.

-12-
Dadurch, dass ich meist so früh aufstehe, habe ich mittags manchmal das Gefühl, als sei schon ein ganzer Tag vergangen. Heute war der Vormittag besonders gut gefüllt. Deshalb endet mein heutiges 12 von 12 bereits mittags.
Nach dem Mittagessen werde ich mir Zeit zum Lesen nehmen. Auch in meiner Lektüre geht es um eine Zwölf. „Zwölf Zimmer für sich allein.“ Die Interviews mit den zwölf Schriftstellerinnen sind für mich packend wie ein Krimi.
Schreiben ist wahrlich ein spannender Prozess. Immer wieder nicke ich beim Lesen mit dem Kopf, lächle in mich hinein und denke: Genau. Genau so ist es.
