Romys Nacht- und Tag-Buch 160
Gut, dass es um mich herum so viele Sonnen gibt. Ich betrachte das Bild, das seit kurzem an der Wand meines Wohnzimmers hängt. Ein rot leuchtender Punkt, der zum Rand hin eine explosive Kraft entfaltet.
Hier im Weinviertel ist die Sonne als Zeichen auf Eingangstüren und Toren allgegenwärtig. Doch meine Sonne ist rot und hat keine Strahlen. Deshalb erinnert sie vielleicht eher an die Sonne auf der japanischen Flagge.
Sonntag, 22. Februar
Am Samstagvormittag ein großer Schreck: plötzlich ein heftiger Schlag, wie ein Stromstoß mitten durchs rechte Bein. Für zwei, drei Sekunden knickt es weg. Danach kann ich wieder normal gehen. Trotzdem bleibe ich verunsichert. In letzter Zeit habe ich mich ständig gefordert. Vielleicht brauche ich jetzt einfach ein wenig Ruhe, denke ich und hole mir den Beamer für einen gemütlichen Kinonachmittag. Den Film Tampopo von Juzo Itami hatte ich lange nicht mehr gesehen. Die Bilder ziehen mich hinein; und ich lasse mich von der Geschichte tragen.

Montag, 23. Februar
Um sieben Uhr in der früh gehe ich über den gefrorenen Schnee zum Hühnerstall. Ein wenig wackelig auf dem buckligen Untergrund trete ich mit meinen Gloggs in die Schrittlöcher von gestern und vorgestern. Die Hühner sind noch im Stall. Auf meine Lockrufe reagieren sie mit einem leisen Gurren. Es dauert lange bis die erste ihren Kopf heraus streckt. Im Zeitlupentempo bewegen sich die beiden über die Hühnerleiter nach unten. Als sie den Topf mit dem Reis entdecken geht es ein wenig schneller und bald beginnt ein emsiges Picken. Beim Zurückgehen höre ich die Krähen die hoch oben vorbei ziehen. Ich lege meinen Kopf in den Nacken und folge ihrem Flug. Im genauen Schauen enthüllt der weiße Himmel über den schwarzen Krähen einen wärmlichen Schein.

Dienstag, 24. Februar
Nach dem Schreck am Samstag brauche ich dringend Entspannung. Zum Glück habe ich mir schon letzte Woche einen Termin bei einer guten Körpertherapeutin in der Nachbarschaft ausgemacht. Sie arbeitet mit präzisen Griffen an Muskeln, Sehnen und Faszien. Ich sinke förmlich in die Liege, höre den Regen vor dem Fenster und spüre, wie die Impulse auf meinem Rücken nachwirken. „Oh, ein Regenbogen“, murmelt sie. „Ein richtiges Aprilwetter.“ Draußen hat die Sonne ihre Farben über dem Regen ausgebreitet.
Mittwoch, 25. Februar
Im Lauf des Fernstudiums im Prosaschreiben habei ich den zu verschiedenen Themen Mindmaps gestaltet. Nun habe ich sie chronologisch geordnet und im Vorraum an die Wand gehängt. Mindmaps haben eine sonnenartige Struktur: In der Mitte steht ein Kern, von dem aus sich Gedanken radial entfalten. Alles geht von einem Zentrum aus und kehrt gedanklich wieder dorthin zurück.

Donnerstag, 26. Februar
In letzter Zeit habe ich gemerkt, wie vielschichtig mein Romanprojekt geworden ist. Viele Fäden greifen ineinander. Manchmal fällt es mir schwer den Überblick zu behalten. Dann schleicht sich ein Gefühl von Überforderung ein. Vielleicht sind die Mindmaps so etwas wie Lankarten für mich die mir dabei helfen mich zu orientieren.
Freitag, 27. Februar
Irgendwo im Schnee, viele Menschen und eine gestrenge Person, die unmögliche Forderungen stellt. Mit all meinen Kräften versuche ich, ihnen nachzukommen, bis es mir reicht. Über verschlungene Pfade suche ich den Weg nach Hause.
Wer ist diese strenge Person mit ihren ständigen Forderungen? Wer treibt mich an bis ich fast nicht mehr kann?
Träume sind wie Spiegel, in denen man immer nur sich selbst sieht.
Samstag, 28. Februar
Endlich wieder sonnige Tage.
Ich nutze die Wärme des Nachmittags, nehme die Frühlingsblüher aus ihren Töpfen in der Küche und setze sie in den Vorgarten. Kaum stehen sie in der Erde werden sie freundlich begrüßt: Eine Honigbiene verschwindet beinahe in einer der wachsweißen Hyazinthenblüten und eine kleinere Wildbiene umkreist die Traubenhyazinthe, prüfend, suchend. Ich frage mich ob sie schon Nektar finden.
Lesemarathon zum Weltfrauentag in Mistelbach
Zwanzig Frauen lesen am 8. März zehn Stunden lang aus Werken von Frauen. Der Lesemarathon findet im Nebenzimmer des Café Harlekin, Bahnstraße 5, in Mistelbach statt.
Ich lese um 13.30 Uhr meine Kurzgeschichte „Wütender Frühling“.
Ich freue mich über bekannte und neue Gesichter!