Eisgrau und Orange

Romys Nacht- und Tag-Buch 156

Tröstliches Orange für graue Tage. Eine Suppe, ein Feuer im Herd und ein Bild das warme Erinnerungen weckt.

Sonntag, 25. Januar

Draußen ist es grau und nass. Erst am späteren Nachmittag raffe ich mich auf. Ich brauche Bewegung. Den Hund der Nachbarin nehme ich mit. An manchen Stellen sind die Oberflächen noch gefroren. Ich gehe ein wenig verkrampft. Im dämmrigen Licht ist schwer zu sehen, wo die rutschigen Stellen sind. Es ist unberechenbar. Plötzlich schlittere ich über eisige Flächen. Nicht ziehen, mahne ich den Hund. Er gehorcht mir sofort. Wir sind ein gutes Team.

Montag, 26. Januar

Es ist noch dunkel und über der Straße liegt dichter Nebel. Noch im Pyjama und barfuß tapse ich hinunter über die drei Tritte der Stiege vor der Haustür und über den Weg zum Gehsteig. Am Samstag früh war hier alles von einer dicken Eisschicht bedeckt. Damals habe ich Asche gestreut und bald war die Ruschgefahr gebannt. Unter meinen Fußsohlen spüre ich noch ein paar der Krümel. Heute ist es zum Glück nicht rutschig. Vielleicht wirkt die Asche noch.

Dienstag,27. Januar

Die Buche ist bei uns Wald gewachsen, hat Wind und Wetter überdauert, jahrzehntelang, das erste hundert erfüllt, dann vielleicht ein Zweites noch. Das Dritte, Vierte wird ihnen meistens verwehrt, zugunsten der Holzqualität. Jetzt prasselt sie in Scheite geschnitten in meinem Ofen. Morgen früh, bevor ich das nächste Feuer anmache, werde ich ihre Asche mit einem Schieber durch den Rost hinunter in die Schublade schieben.

Mittwoch, 28. Januar

Was soll ich mir heute zum Abendessen kochen ? Ein arbeitsamer Tag liegt hinter mir. Draußen herrscht das übliche Einheitsgrau. Eine Suppe vielleicht? Kürzlich hatte ich mir einen Hokkaido Kürbis gekauft. Ein wenig mit den Händen zaubern und er wird zum flüßigen Gold. Die orange leuchtende Suppe erhellt meine Seele und wärmt mir den Magen.

Donnerstag, 29. Januar

Wenn ich im Zug sitzen bliebe, könnte ich zum Flughafen fahren. Dort könnte ich ins nächste Flugzeug steigen und mich überraschen lassen wohin es mich bringt: Ist es ein kalter oder ein warmer Ort? Bringt es mich in den Sommer oder in den Winter?
Doch irgendwie erscheint es mir schöner, im Zug zu sitzen und die nebelverhangene Landschaft am Fenster vorbeiziehen zu lassen, als mich in ein Flugzeug zu setzen. Also werde ich am Praterstern auszusteigen zum Krafttraining gehen und anschließend im Hansy eine Freundin treffen.

Freitag, 30. Januar

Zufällig stoße ich auf ein Foto das mich seltsam berührt. Das Bild mit den gepressten Pflanzenteilen war schon mindestens zwanzig, eher dreißig Jahre alt als ich es fotografiert habe. Unterdessen waren die Farben verblasst, die Anordnung ein wenig verrutscht. Ich erinnere mich, sehe die Hände meiner Mutter wie sie die sorgsam gepressten Blüten und Blätter auf einem Karton anordnet. Sie hatte diese spezielle Technik der Grußkartenherstellung bei einer Nonne gelernt.

Samstag, 31. Januar

Absurdes Traumgeschehen. Beim Aufwachen bleibt nur diese eine Szene:
Im Moment, in dem ich einen Hebel berühre, bricht er, zerbröselt unter meinen Händen. Der Lastwagenfahrer, dessen Gangschaltung ich zerstört habe, lächelt freundlich.„Ich kenne Sie“, sagt er. „Kürzlich habe ich ein Interview mit Ihnen gesehen.“ „Welches Interview?“ frage ich irritiert. Neben mir murmelt eine Mitfahrerin: „Achtung, er ist Finanzmanager.“

Ein Kommentar

  1. Und wieder hast du mich mitgenommen auf einen Gedanken-und Gefühle-Spaziergang😌.
    Bei deiner Schilderung nicke ich innerlich.. die ungewissen Eisflächen, über die ich mit meiner Fellnase gestakst bin, und die Brocken, die beim Aufhacken rumgeflogen sind.. ich hab mich zum öffentlichen Splitspender gemacht, damit es nicht ganz so gefährlich für alle ist.

    Die (un)gelebten Jahrhunderte der Buchen machen mich nachdenklich..
    Auch die arrangierten Blüten und Hände deiner Mutter..

    Beim finanzmanagenden Busfahrer habe ich aufgelacht!

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