Vorfreudig

Romys Nacht- und Tag-Buch 149

Knospende Barbarazweige, eine Überraschung am Wegesrand, der nächtliche Vogelruf. Im Dunklen wächst das Verheißungsvolle. Das Lichterfest wartet vor der Tür.

Sonntag, 7. September

Ein selten blauer, zwar noch zaghaft blauer, aber immerhin … ein versuchsweise blauer Himmel animiert mich dazu, mein Rad zu satteln beziehungsweise es hinaus über die Treppe hinunter und auf die Straße zu schieben. Auch die Sonne zeigt sich, zwar schüchtern noch, und so fahre ich los. Durch die Weinberge hinauf und hinunter, die frische Luft saust an meinen Wangen vorbei, und mich überwältigt ein plötzliches Glücksgefühl, das mich jauchzen lässt.

Montag, 8. Dezember

Zur freien Entnahme steht auf dem Zettel. Wie schnell manche Wünsche in Erfüllung gehen, erstaunt mich immer wieder. Noch in der Früh hab ich an Barbarazweige gedacht und wie schön es wäre welche zu haben. Mittags warten sie auf mich am Wegrand. Ein schnelles Bremsmanöver bringt mein Radl ins Stehen. Auf der Grenzmauer vor einem Einfamilienhausgarten steht ein schwarzer Plastikübel mit frisch geschnittenen, dickknospigen Kirschbaumzweigen.

Dienstag, 9. Dezember

Tagsüber ist es nebelgrau, und in der Nacht wird es nebelschwarz. Huuuu, huuu, huuu … Wie lange habe ich ihn nicht mehr gehört, diesen langen, eintönig, traurig klingenden Ton? Als ich frisch in mein Häuschen eingezogen war, lauschte ich im Winter Nacht für Nacht der Eule. Jetzt ist sie wieder da. Vielleicht ist es aber eher ein Nachkomme – ein Kind, Enkel oder Urenkel. Wer weiß das schon?

Mittwoch,10. Dezember

Auf der Treppe zum Dachboden lagert der letzte Kürbis meiner reichen Sommerernte. Mit dem großen Küchenmesser schneide ich ihn in handliche Stücke. Dann hole ich mir vom Kräutergarten Thymian und Rosmarin. Salzen, pfeffern und ein wenig Olivenöl darüber träufeln– und hinein ins von den brennenden Buchenscheiten gut aufgeheizte Holzofenrohr. Bald entfaltet sich ein verheißungsvoll würziger Geruch im Raum und ich freue mich schon sehr aufs Mittagessen.

Donnerstag, 11. Dezember

In jedem Buch begegne ich Menschen, denen ich sonst nie begegnet wäre. Sie berühren und inspirieren mich, lassen mich neue Seiten des Menschseins entdecken und staunen über all die Verschiedenartigkeit, mit der dieses wunderbare, verrückte und manchmal grenzenlos fordernde Leben gelebt werden kann. Lesend bin ich ständig unterwegs, reise durch Welten und Orte. Mit meinem vorletzten Buch war ich in China, gerade bin ich in Japan, und heute habe ich ein Buch gekauft, mit dem es ostwärts gehen wird.

Freitag, 12. Dezember

Eine Online-Lesung von Ewald Arenz, aus seinem neuen Buch Katzentage. Anschließend war Raum für Fragen und Gespräche. Das ungehemmte, Dasein einer Katze als Vorbild für ein freies Leben. Die Rede war von diesen besonderen glücklichen Momenten, die irgendwo auf uns warten. Von jenen Augenblicken, in denen sich plötzlich ein Loch im Alltag auftut, das Gewohnte zurückweicht und Raum entsteht für ein anderes, intensiveres Erleben. Von der Spannung, die sich bildet zwischen reiner Gegenwärtigkeit und dem Wunsch, diese Ausdehnung des Glücks in eine Zukunft hinüberzuretten.

Samstag, 13. Dezember

Meistens haben wir jedes Jahr abgewechselt: ein Jahr in der Schweiz – das nächste Jahr in Österreich. Heuer also Österreich – und das Allerschönste: Wir werden am 24. Dezember das traditionelle Weihnachtsfeuer bei mir im Garten entzünden. In mir wächst Freude, Vorfreude, Mutterfreude und Großmutterglück. Ein Hauch Aufregung mischt sich auch hinein. Wie wird es werden? Es ist lange her, dass wir einander hier bei mir begegnet sind.

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