12 von 12 im September 2026 – Momente aus meinem Alltag

Vorfreude

Und plötzlich ist sie da, die Vorfreude. Die Vorfreude auf so vieles: die nächste Lesung, das Mittagessen, den Frühling, die Inselreise, die Radltour.
Und es ist zugleich ein ruhiger Tag, mit reichen Momenten.
„Drei Sekunden dauert ein Moment“, hat uns gestern ein Schreibkollege erklärt. Ich hatte immer gedacht, dass ein Moment viel kürzer sei.

Es ist eine schöne, alte Blogger:innen-Tradition, den 12. eines Monats in zwölf Bildern zu dokumentieren. Ins Leben gerufen wurde sie von Chad Darnell, weitergetragen im Blog von  Blog von Caroline Götze.
Ab jetzt mache ich mit und halte einmal im Monat Momente meines Alltags fest – berichte, was gerade im Werden und Wachsen ist.

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Gestern Abend habe ich mir zum ersten Mal überlegt, ob ich nicht doch lieber hineingehen soll zum Schlafen. Vierzehn Grad. Ach, im Notfall nehme ich eine zweite Decke. Tiefer Schlaf und lebhafte Träume.
Leere Räume und Warten. Bald kommen die Blumen, dann geht es los. Vorfreude. Üppige Arrangements. Endlich wieder aus dem Vollen schöpfen. Die Chefin setzt sich eine riesige Sonnenbrille auf. Plötzlich schaut sie um dreissig Jahre jünger aus. Gemeinsames Lachen, Scherzen und Warten.
Im Aufwachen in den Garten schauen. Wie lange noch?

-2-

Er ruft und ruft und bleibt doch ohne Antwort. Aus meinem kleinen Küken ist ein grosser, kräftiger Hahn geworden. Seine ersten zarten Versuche haben sich zu einem vollhalsigen Kikeriki entwickelt. Ich hatte gehofft, dass er wie sein Papa aus der Steiermark nur ein rares Krähen in die Landschaft hinaussendet. Aber mein Hahn ist hier der einzige weit und breit.

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Im Oktober gibt es wieder ein Literarisches Frühstück der Weinviertler Wortwerkstatt im Schloss Wolkersdorf – diesmal zum Thema „Nachworte“.
Ich nehme den Spender mit dem leicht wieder lösbaren Tixo und klebe das Plakat an die Haustür.
Gestern haben wir uns oben im Raum unter dem Turm getroffen, unsere Texte besprochen und uns mit der Moderatorin ausgetauscht. Bei unseren Treffen geht es lebhaft zu. Es gibt immer viel zu diskutieren – und genauso viel zu lachen. Ich freue mich schon auf das Literarische Frühstück im Oktober.

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Nach dem Regen beginnt es im Vorgarten zu keimen. Kleine, zarte Pflanzenwesen. Ich jäte ein paar der grossen, Abgeblühten weg und schneide das Braungewordene zurück. So bekommen die Kleinen mehr Licht und können sich bis in den späten Herbst hinein noch gut entwickeln.

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Die Hühner freuen sich sichtlich über das frische Grün auf dem Kompost. So ist uns allen geholfen. Ich geniesse beim morgendlichen Jäten die Bewegung an der frischen Luft und ein Schwätzchen mit der Nachbarin. Die Hühner bekommen etwas zum Schmausen und die kleinen Pflänzchen haben genug Platz, um sich auszubreiten.

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Zum Mittagessen gibt es gebratenen Chicorée, Basmatireis und ein Gemüsecurry mit Kichererbsen.

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Letzte Woche bin ich einer alten Liebe begegnet.
Wie lange ist es her, dass ich dieses Buch zum ersten Mal gelesen habe? Das Buch ist 1981 erschienen. Das könnte hinkommen. Als junge Mutter war ich fasziniert davon, wie frei ein Leben sein kann. Aber auch davon, wie anspruchsvoll es ist, mit dieser Freiheit umzugehen. Heute sehe ich vieles mit etwas mehr Distanz. Und trotzdem ist da noch immer dieses Mitschwingen: Dinge, Orte, Gerüche, Pflanzen tragen Erinnerungen in sich. Die Gegenwart öffnet eine neue Zeitschicht. Und immer wieder geht es um die innere Bewegung des Erzählers. Vielleicht ist das der Grund, warum eine alte Lektüre nach so vielen Jahren plötzlich wieder lebendig wird. Das Buch ist dasselbe. Aber ich bin es nicht.

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Gross sind sie nicht geworden, meine Hokkaido-Kürbisse. Vier habe ich im Laufe des Sommers schon gegessen. Ich würze sie mit Kräutern, Knoblauch und Salz, beträufle sie mit Olivenöl und röste sie im Airfryer. Jedes Mal eine Köstlichkeit. Weil sie unterdessen gut ausgereift sind und nicht mehr weiterwachsen, habe ich jetzt auch die restlichen sechs geerntet. Ich gebe sie in ein eckiges Metallgefäss und lagere sie auf der Stiege zu meinem Dachboden.

-9-

Jetzt schon an den Frühling denken. Nach der Sommerdürre freue ich mich auf seine frische Saftigkeit. Dort, wo ich die letzten Kürbisse geerntet habe, steht ein alter Holzkarren, den ich mit Erde gefüllt habe. Dort werde ich diese Zwiebeln einsetzen. Und ich sehe jetzt schon, wie sie austreiben. Die Krokusse werden die ersten sein. Dann öffnet sich eine Blüte nach der anderen. Sie wenden sich der Sonne entgegen. Erste wohltuende Wärme. Eine Buntheit, die mich mit Freude erfüllt.

-10-

In meinem Schlafzimmer auf der Ablage stapeln sich Sonnenhüte, eine Regenjacke, Wasserschuhe, Schwimmbrille und Sonnenschutz, ein Pullover für kühle Abende und leichte Sommerhosen. Am Montag in der Früh geht’s los. Erst mit dem Flixbus nach Rijeka, dann mit dem Katamaran auf die Insel Cres.
Ich habe für meine Enkelin und mich eine kleine Wohnung gemietet. Wie es wohl dort im Föhrenwald unterdessen aussieht? Als meine Tochter fünfzehn Jahre alt war, haben wir nur mit Schlafsack, Matte und Plane für zwei Wochen dort gelebt. „Wo werdet ihr wohnen?“, fragte damals ihr Vater. „Im Tausend-Sterne-Hotel“, antwortete ich.

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Und noch einmal begegne ich der Vorfreude. Im Briefkasten wartet eine Überraschung: die Radkarte von Südböhmen. Endlich ist sie da. Auch dort ist wieder eine Tour in Planung.

-12-

Besuch aus Wien. Plaudern bei Tee und Sprudelwasser. Dann schauen wir nach hinten zu den Hühnern.
Zu dritt springen sie hoch unter dem kleinen Kriecherlbaum , um grüne Blätter zu erhaschen. Dreißig, vierzig Zentimeter aus dem Stand.
Ich habe das Gefühl, sie genießen das Publikum, unser Staunen – und bieten uns deshalb eine kleine Extrashow.

4 Kommentare

  1. Liebe Romy,

    schön, dass du diese Einblicke gewährst. Besonders haben mich deine Gedanken über die wiederholte Lektüre angesprochen. Es ist noch nicht lange her, dass ich überhaupt ein Buch ein zweites Mal lese. Aber je älter ich werde, desto mehr erkenne ich den Wert der Vertiefung.

    Herzliche Grüße, Korina

    1. Bei mir ist es genau umgekehrt, liebe Korina. Früher habe ich Bücher, die ich liebte, oft mehrmals gelesen. Diesmal war es die lange Zeitspanne dazwischen, die mir gezeigt hat, was gleich geblieben ist – und was sich verändert hat.

      Der Wert der Vertiefung – das gefällt mir sehr.

      War schön, von dir zu hören, liebe Korina.

      Herzlich
      Romy

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