Romys Nacht- und Tag-buch 157
Dem roten Faden folgen … vielleicht ist das der Grund, warum ich dieses Nacht- und Tag-Buch führe. Um im Gewirr der Tage nicht ganz den Überblick zu verlieren. Und um zu erkennen, wo der Faden gerade verläuft.
Sonntag 1. Februar
Endlich Februar. Vor meinen Zugfahrten muss ich mich ab jetzt nicht mehr jedes Mal dem mühsamen Einzelticket lösen widmen. Ab dem 1. Februar bin ich stolze Inhaberin einer Jahreskarte für die Region. Ich bin in Feierlaune. Am frühen Sonntag morgen auf meiner Jungfernfahrt mit dem neuen Klimaticket ist das Zugabteil noch leer. Um zehn beginnt in Wien mein Schreibseminar und ich habe bis dahin einiges zu tun. Ich breite meinen Laptop und die Unterlagen vor mir auf dem ausgeklappten Tisch aus. Ich fühle mich wie zu Hause. In mir ein breites Grinsen. Mit meinem neuen Ticket bin ich ab jetzt sozusagen Jahresmieterin, habe mir sowas wie einen Zweitwohnsitz zugelegt.
Montag 2. Februar
Wie spät ist es? Unterwegs zum sonntäglichen Schreibseminar werfe ich einen Blick auf die Uhr am Weg. Sie ist ein rares Exemplar. Aus ihrer Mitte gähnt mir Leere entgegen. Die Zeiger sind abgestürzt. Aus der Zeit gefallen. Vielleicht sind sie vom ewigen Herumdrehen müde geworden. Können nicht mehr. Wollen nicht mehr. Einfach mal ausruhen sagen sie sich. Es ist schließlich Sonntag …

Dienstag, 3. Februar
Ich frage mich, welche Geschichte ich erzählen soll?
Vielleicht muss ich das nicht wissen, bevor ich beginne. Vielleicht reicht es, einfach irgendwo anzufangen. Losschreiben. Dem folgen, was entsteht. Darauf vertrauen, dass sich aus dem Vorherigen das Nächste ergibt. Ein roter Faden zeigt sich. Und ich folge ihm – gespannt, wohin er mich führt und welche Wege er nimmt.
Mittwoch, 4. Februar
Die Tulpenblätter haben eindeutig zu wenig Licht bekommen. Blassgrün und ein wenig kraftlos sind sie aus den Zwiebeln heraus gewachsen. Im Supermarkt wo ich den kleinen Topf mit den keimenden Tulpenwiebeln gekauft hatte ist er draußen im kalten Schneewetter gestanden. Der Wechsel in meine warme Küche muss ein ziemlicher Schock für die Pflanze gewesen sein. Um so mehr freue ich mich über ihre erste sich öffnende Blüte.

Donnerstag, 5. Februar
Ich arbeite an der Struktur meines Romans. Der rote Faden hilft mir, Zusammenhänge zu erkennen. Mich beschäftigt die Frage, wo der Moment liegt, an dem das, was bisher galt, nicht mehr trägt. Dabei rückt eine frühe Erfahrung in den Mittelpunkt, die mehr verändert hat, als damals sichtbar war. Möglicherweise ist es genau das, was mich an dieser Geschichte hält: zu erkunden, wie ein einzelner Moment lange Linien durch ein Leben zieht.
Freitag, 6. Februar
In welcher Sprache denke ich? Gedachte Sprache hat keine Farbe. Mit meinen Hühnern spreche ich Schweizerdeutsch. Sie antworten mir in ihrer eigenen Sprache. Im Klang ihrer Laute schwingt etwas mit, das direkt zum Kind in mir spricht. Mein Herz versteht jedes Wort. Ich nicke und sage: Ja genau, so ist es.

Samstag, 7. Februar
Ich denke darüber nach, wie anders das Schreiben im Tagebuch ist als im Roman.
Im Tagebuch: Momentaufnahme. Alles fließt, unvermittelt, ungeordnet.
Beim Schreiben an meinem Romanprojekt. Erforschen, nachzeichnen, verfolgen, was aus einem Moment entsteht. Wie ein Schmetterling, der irgendwo am Ende der Welt seinen Flügel bewegt. Ein kleiner Schlag und seine lange Wirkung.
Liebe Romy,
diesmal spüre ich eine ganz besondere Resonanz beim Lesen deiner Tage.
Die abgestürzten Uhrzeiger und dein mobiler Zweitwohnsitz lassen mich Gedankengehen..
Und bei deinen Hühnergesprächen schmunzle ich, erkenne mich selbst.. mit Tieren und Pflanzen plaudernd;-).
Aber dieser Satz hat eine ganz besonders eigentümliche Wirkung :
„Mich beschäftigt die Frage, wo der Moment liegt, an dem das, was bisher galt, nicht mehr trägt. Dabei rückt eine frühe Erfahrung in den Mittelpunkt, die mehr verändert hat, als damals sichtbar war.“
Wie oft ich immer und immer wieder in meinem roten Fadengewirr nach Entkräuselung suche..
Danke!
Sabine
Ja, die Entkräuselung (was für ein schönes Wort).
Ob uns das wohl je gelingt?
Danke für dein Mitschwingen und deine Gedanken liebe Sabine.
Sehr gerne schwinge ich immer wieder mit dir mit, liebe Romy!:-)
Die Sache mit dem
„roten Faden“! ja. das beschäftigt mich auch im Schreiben.
und deinen mobilen „Zweitwohnsitz“ – hast du den auch angemeldet?! 😃🤣🤣🤣🤣
Danke fürs Teilen! ♥️ deiner Woche.
Gut, dass du mich daran erinnerst, liebe Angela 🙂
Liebe Grüße ins Tirolerland
Romy
Hallihallo Romy!
Zufall, auch ein Moment, der gestattet Einblicke und Eindrücke zu erfahren, Menschen kennen zu lernen und ihr Wesen näher betrachten zu dürfen, sofern sie es erlauben.
Die Zeit geht ihren Weg und erlaubt uns in ihr zu Treiben, zu erkennen wo, wer und was wichtig sein mag, für wen wir sie anhalten sollten um zu verweilen, dass zeigt uns unser Gefühl.
Ich bin froh diesen Moment gefunden und, mir die Zeit genommen zu haben um in deinen bezaubernden Nacht- und Tag- buch zu lesen.
Wirklich toll!!
Ganz liebe Grüße Loisl
Wie schön Loisl, dich hier auf meinem Blog zu treffen.
Dein Kommentar freut mich sehr. Er erinnert mich an den samstäglichen Weinverkauf auf deinem Hof, dein sorgfältig gemachter Wein, der unvergleichliche Speck vom Hausschwein und vor allem auch an unsere Gespräche dort.
Liebe Grüße
Romy