Tulpenstielfrühling

Romys Nacht- und Tag-Buch 158

Das schöne am Schreiben ist seine Grenzenlosigkeit, das mühelose Reisen durch Zeiten und Orte, das Wiederauferstehen lassen von längst Vergangenem, das Verharren im gegenwärtigen Moment – und vor allem das freie Formen und fabulieren. Wenn ich in der Küche sitze und meinen Kaffee trinke, dann beobachte ich fasziniert das Werden und Vergehen einer roten Tulpenblüte. Sie erzählt mir Tulpenerlebnisse. Auf diese Weise sind zwei kleine Tagebuch-Geschichten entstanden.

Sonntag, 8. Februar

Vor meinem Küchenfenster spielen sich ab und an Dramen ab.
Dem kleinen Gockelhahn oben auf der Dose klappt vor Staunen der Schnabel auf.
Was hat ihm dieses riesige Rotlippending da gerade ins Ohr gehaucht?
„Schau mir in die Augen, Kleines.“
„Geht’s noch?“, keift er zurück.
„Du hast wohl Tulpen auf den Augen!“

Ich bin ein Hahn. Und. Punkt.

Montag 9. Februar

Um meine zwei Goldfische im Teich hatte ich mir während den langanhaltenden Frosttagen schon ein wenig Sorgen gemacht. Dickes Eis hatte sich gebildet und mein Teich ist ja nur ein wenig größer als eine Pfütze. Ob meine Goldies da wohl genug Sauerstoff bekommen? Vorsorglich hatte ich einen Styropor Eisfreihalter installiert – aber trotzdem …
Jetzt endlich aufatmen. Das Eis taut – und gestern, unter der nur noch dünnen Schicht, ein orange-goldenes Schwänzeln.

Dienstag, 10. Februar

Unglaublich, diese Küchentulpe: Erst kränkt sie meinen kleinen Gockelhahn und jetzt versucht sie auch noch, die Narzissen zu verschlingen.

Mittwoch, 11. Februar

Ich packe mir zwei Glasflaschen in den Rucksack und gehe der Hauptstrasse entlang zum Milchautomaten. Nachdem ich ihn mit ein paar Münzen gefüttert habe, füllen sie sich auf Knopfdruck mit dieser weißen Köstlichkeit. Ich erinnere mich daran, wie ich vor ein paar Jahren, täglich früh um sieben beim Melken mitgeholfen habe. Der Bauer war krank und hatte um Hilfe gebeten. Das war noch vor der Pandemie, ich war gerade frisch pensioniert. Jeden Morgen freute ich mich auf die Kühe – auf ihre Wärme, ihr Wesen, ihre Eigenart. Und jeden Morgen blitzte auf meinem Weg zu ihnen derselbe Gedanke auf: Das ist die schönste Zeit meines Lebens.

Donnerstag, 11. Februar

Einmal im Monat treffe ich mich mit meinen Schreibkolleginnen im Café Schopenhauer. Gleich beim Eingang steht ein großer Büchertisch. Meine Augen bleiben an einem Umschlag mit einer Orchideenblüte hängen – gezeichnet in einem warmen Hellgelb, würdevoll vor blauviolettem Hintergrund. Das Buch von Gaëlle Bélem erzählt von der Entdeckung der künstlichen Bestäubung dieser Orchidee, aus deren Blüte die Vanilleschoten entstehen. Eine Pflanze, die nur unter bestimmten Bedingungen Frucht trägt. Ich blättere. Fasziniert finde ich mich bei einer Geschichte wieder, in der sich Weltgeschichte, das Leben einer Pflanze und das eines Sklavenjungen verschränken.

Freitag, 13. Februar

Der Joghurt ist cremig und zugleich so fest, dass der Löffel darin stehen bleibt. Ein konzentriertes Weiß das in meinem Mund ein vielfältiges Geschmackserleben weckt. Mein erster Versuch, mit der Biomilch aus dem Automaten ein Joghurt nach griechischer Art zu machen ist vorzüglich gelungen.

Samstag, 14. Februar

Wie es der Zufall will, bin ich heute in meinem Romanprojekt auf eine weitere Tulpengeschichte gestoßen– diesmal mit Rosa.

Dieser Frühling ist so satt und dick wie ein Tulpenstiel.
Sanft streicht Rosa mit ihren Fingern über das steife Blatt. Weiter oben begegnet ihr die zartere, jetzt schon voll geöffnete Blüte. Außen leuchtend rot und tief aus der Mitte, geheimnisvoll leuchtend, ein gelbes Dreieck, umrundet von sechs schwarzen zu einem länglichen Dreieck geformten Fäden mit je einem staubigen Beutel dran. Unten am Blütenboden ein Muster, glänzend schwarz und gelb gezackt. Vorsichtig hält Rosa ihre Nase über den roten Kelch. Genauso würde Schokolade riechen, wenn sie eine Blume wäre, denkt sie.

7 Kommentare

  1. Liebe Romy, vielen Dank für deine Nacht- und Taggeschichten. Ich habe zwar keine Goldfische im Teich, mache mir aber momentan Sorgen um die Frösche, die darin überwintern. Ich versuche sie zwar jeden Herbst zu überreden, sich ein anderes Winterquartier zu suchen, aber sie bleiben. Vor zwei Jahren musste ich nach einer längeren Frostperiode mal zwei Leichen begraben.
    Deine Tulpengeschichten haben mich animiert, mir nachher, wenn ich ins Dorf gehe, ein paar Tulpen zu kaufen.
    Vielleicht sehen wir uns ja heute Nachmittag beim Schreiben. ich freue mich immer, wenn ich dich beim Morgenschreiben mit Sabine entdecke.
    LG und viel Erfolg mi deinen Tulpengeschichten eva

    1. Lieb Eva,
      vielleicht würde ein Eisfreihalter auch deinen Fröschen das Überwintern erleichtern.
      Gerade war ich im Garten und habe meine zwei Goldfische beobachtet.
      Die freuen sich wahrscheinlich genauso so wie ich auch über wärmere Tage.

  2. Ach Romy,
    wie herrlich köstlich, den Teil deines Tulpenkrimis zu lesen!! Wollüstig und gefräßig zugleich 😅!.. Und sooo wunderschön!
    Ohh.. und wie freue ich mich! Sind es immer noch die kleinen Goldfische aus Lanzendorf?
    Ich lese gerade ‚Vom Wachsen und Aufblühen‘.
    Als ich das wunderbare Buch zum Geburtstag von meiner Freundin Sabine geschenkt bekam, ist mir sofort durch den Kopf gegangen, dass mir der Titel vor nicht allzu langer Zeit begegnet war und mich sofort gebannt.
    Ich meinte mich an die Erwähnung in einem deiner Texte zu erinnern.
    Jedenfalls genieße ich es sehr.
    Und nun klingt auch die gelbe Orchidee samt Sklavenjungen zart an.🥰

    1. Ja es sind deine Goldfische aus Lanzendorf liebe Sabine.
      Nein den Tipp für das Buch „Vom Wachsen und Aufblühen“ hast du nicht von mir.
      Ich habe es mir gerade angesehen und gleich bestellt.
      Freue mich schon sehr aufs Lesen.
      Liebe Grüße
      Romy

      1. Ohh.. wie schöön! Ich freu mich!!
        In Papas Teich hat sich leider auch der Reiher ‚running sushi-mäßig‘ bedient.. und offenbar eine Vorliebe für die leuchtend orangen:-/.. , die dunklen Exemplare sind noch zahlreicher vorhanden.
        Ach wirklich?!
        Hey, das freut mich jetzt aber!!
        Dass umgekehrt auch mal ein Buch so bei dir anklingt!:-)
        Was für ein schöner Literatur-Blumen-Fisch-Gleichklang;-)!
        Ich wünsche dir ein schönes Wochenende, samt winterlichen Pfotenspaziergängen
        Sabine

        1. Ja bei mir waren es ja auch urprünglich drei …
          vielleicht auch ein Reiher, eine Katze oder ein Marder?
          und der schöne Literatur-Blumen-Fisch Gleichklang
          freut auch mich ungemein
          Liebe Grüße
          Romy

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